Neumünster : „Lage ist immer noch katastrophal“

„Mein Mann steht mir unerschütterlich zur Seite“: Eberhardine Seelig (hier eine Archivaufnahme mit ihrem Mann Peter beim Abschiedsfest mit Geschenken der Kinder) organisiert zum 27. Mal die Reha-Kur für krebskranke Kinder aus der Ukraine, mit denen sie Freud und Leid erlebt.
„Mein Mann steht mir unerschütterlich zur Seite“: Eberhardine Seelig (hier eine Archivaufnahme mit ihrem Mann Peter beim Abschiedsfest mit Geschenken der Kinder) organisiert zum 27. Mal die Reha-Kur für krebskranke Kinder aus der Ukraine, mit denen sie Freud und Leid erlebt.

Eberhardine Seelig (77) organisiert zum 27. Mal die Kur für die Tschernobyl-Kinder / Freude über Heilung – aber auch Trauer um Tote

shz.de von
06. Juli 2018, 12:40 Uhr

Neumünster | Ab heute machen sich rund 100 Helfer an die Arbeit: Die Fröbelschule wird für die 27. Reha-Kur für krebskranke Kinder aus der Ukraine in ein Camp umgewandelt. Organisiert hat sie von Beginn an Eberhardine Seelig, Leiterin der Teestube David, die für ihr Engagement 2005 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet und 2011 von der ukrainischen Regierung geehrt wurde. Courier-Reporterin Gabriele Vaquette fragte die 77-jährige Tasdorferin nach dem Sinn, den Zielen und Erfolgen der Aktion.

Die Reha-Kur für die Tschernobyl-Kinder läuft jetzt im 27. Jahr. Was treibt Sie an, die Aktion immer wieder zu organisieren?

Wenn ich wüsste und sehen könnte, dass ukrainische krebskranke Kinder in ihrer Heimat die medizinische und soziale Versorgung bekommen wie bei uns, dann gäbe es vielleicht andere Betätigungsfelder – ich habe mich mein Leben lang für schwache Menschen engagiert. Aber die Lage ist – unabhängig von Tschernobyl – für die meisten Menschen immer noch katastrophal.


Die Tschernobyl-Katastrophe passierte 1986. Ist es noch notwendig, diese Reha-Kuren zu machen?
Wer sich noch an die damals genannten „Halbwert-Zeiten“ erinnert, der weiß, dass wir und einige Generationen nach uns noch betroffen sein werden. Die Kontamination steckt in allen Beeren, Pilzen und was sonst im Boden wächst und auch im Sand, in dem die Kleinsten spielen. In Bayern wird jedes dritte Wild (Wildschwein, Reh) wegen Kontamination nicht zum Verzehr freigegeben. Um wie viel mehr kontaminiert sind die Böden in der Ukraine, die Flüsse! Und doch esse ich, wenn mich arme Familien einladen, den von ihnen im Dnjeper gefangenen Fisch und sage mir: Ich bin vierfache Urgroßmutter und will keine Babys mehr kriegen.

Wie sehen Sie, dass die Reha-Kuren Wirkung zeigen?
Nach unserer Kinder-Reha sehen wir sehr viel weniger oft einen Rückfall, „unsere“ Kinder haben Lebenswillen entwickelt. Das scheint neben gesunder Kost, Physiotherapie und Hilfe beim Kauf der erforderlichen Medikamente zusammen zu wirken.

Gibt es Schicksale, die Sie besonders berühren?
Ich habe am Bett des ukrainischen sterbenden Jungen Andrij gesessen, der sich bei uns nach Chemo- und Strahlentherapie erholen konnte, aber dann erneut erkrankte. Ich habe erlebt, wie eine verzweifelte Mutter hoffte und dann erleben musste, dass ihr Kind starb. Wir beide haben zusammen in der Klinik den Sarg gekauft, weil die Menschen dies vor Ort nicht kaufen können und bezahlt mit dem Geld von der deutschen Paten-Familie. Die Mutter und ich haben zusammen geweint und gebetet, das Kind für den Sarg nach orthodoxem Ritus gekleidet und den Sarg ausgestattet, bis am Abend ein kleiner Pritschenwagen aus ihrem 300 Kilometer entfernten Dorf kam und Mutter mit Andrij nach Hause holte.


Sie verbringen die vier Wochen in der Fröbelschule und nehmen großen Anteil an dem Schicksal der Kinder, die fast zu eigenen Kindern werden. Wie verarbeiten Sie das?
Das Anteil-Nehmen ist mit Hören, Sehen und Fühlen verbunden. Verstehen kann ich so manches, weil mein Mann und ich seit 1992 so viel Zeit in der Ukraine verbracht haben, die Armut, die Korruption und die Gleichgültigkeit der staatlichen Stellen gegenüber ihren Bürgern kennen. Die einfachen Menschen sind den reichen Oligarchen – auch dem Präsidenten – nichts wert. Selbst wir müssen so manches Mal gegen ukrainische Behörden kämpfen. Bisher erlebten wir Gespräche im Gesundheitsministerium der Ukraine „als schöne Worte“, aber es folgen keine Taten. Ich verarbeite das alles, weil ich eine Christin bin. Ich habe viel erlebt: Ich bin Jahrgang 1940, habe als Kind Bomben, Fliegeralarm, Schutzkeller und Tote erlebt, auch das Erschießen von Menschen. Meine Mutter lehrte mich: Lass nie einen Bettler hungrig von deiner Türe gehen. Wer so viel erlebt hat, kann nicht wegschauen, wo Not ist und als Christin wende ich mich im Gebet an Gott mit der Bitte um Kraft, all dies Erlebte zu ertragen und nicht mutlos zu werden. Mein Mann Peter (81), mit dem ich seit 59 Jahren verheiratet bin, steht mir unerschütterlich zur Seite. Wir sind jetzt vierfache Urgroßeltern und haben knapp 700 Kinder in der Ukraine, an die wir uns erinnern und die an uns ihr Leben lang denken werden – so lange sie leben.


Warum müssen die Kinder den weiten Weg nach Deutschland kommen?
Weil es in der Ukraine bisher immer noch keine Sanatorien für krebskranke Patienten-Kinder gibt. Jede Oblast (Bundesland) könnte etwas tun – tut aber nichts, und ein von mir im Gesundheitsministerium angesprochenes überregionales Reha-Angebot ist nicht vorstellbar. Man verweist darauf, dass hierfür jeder selbst zuständig sei. Es gibt aber in der Ukraine keine Krankenversicherung. Daher können nur die krebskranken Kinder der Reichen im Ausland Behandlung und Rehabilitation erhalten – auch in den Unikliniken im Norden, die bei uns nicht mal die Privatpatienten zahlen müssen. Das ist ein Klinik-Geschäft.

Wie aussichtsreich ist angesichts der unruhigen politischen Situation in der Ukraine das Projekt einer Kinderklinik in der Ukraine? Sie hatten ja bereits mehrere Anläufe gemacht, die an Korruption und Baumängeln scheiterten.
Nicht nur zwei Anläufe: Mein Mann, der Architekt ist, hat viele Entwürfe und Zeichnungen erstellt für halbfertige Ex-UdSSR-Gebäude, die mal ein Dorfkrankenhaus in Sa Worsklo bei Poltawa oder eine Bauruine, die mal eine Gynäkologie in Dikanka hätte werden sollten. Er hat Gebäude geplant in Poltawa und in der Westukraine. Eine Kommunalwahl machte positive Verhandlungen mit dem Vorgänger zunichte, windige Verträge konnte man nicht abschließen, und so stehen diese Bauruinen noch immer im Land. Das „Privatisieren der staatlichen Ex-UdSSR-Gebäude“ oder das „Erwerben von Land“ geht nur langsam voran. Auch Ikea musste viele Jahre warten und kann erst jetzt das erste Gebäude dort bauen.


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