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Gedenkveranstaltung : KZ-Todesmarsch: Tafel als Mahnung

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Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Arbeitsgruppe erinnert an April 1945 / Zwei Familienangehörige sprachen über Teilnehmer / Gedenken an Erschießung eines Gefangenen

Neumünster | „Mein Vater wurde bewusstlos geschlagen, es ist nicht zu verstehen, wie man das machen konnte, nur weil man die Macht hatte.“ Es war gestern mucksmäuschenstill in der Aula der Waldorfschule, als Fred Zimmak von seinem Vater Leonhard erzählte. Dieser war einer der 800 Menschen, die beim Todesmarsch von KZ-Häftlingen vom KZ Hamburg-Fuhlsbüttel ins Arbeitserziehungslager Nordmark in Kiel vom 12. bis 15. April 1945 von ihren Peinigern getrieben wurden – auch die Kieler Straße entlang. An Überlebende und Opfer erinnerte die Biografie-Arbeitsgruppe, die die Lebensgeschichten der Marschteilnehmer erforscht.

Vor rund 80 Schülern erzählte Fred Zimmak (65) von den Briefen seines Vaters, die die Zeit beschreiben. Nachdem die Judenverfolgung verschärft wurde, verschlug es die Familie nach Hamburg, später ins Getto Riga: „Menschen wurden auf offener Straße erschossen, es waren furchtbare Verhältnisse.“ Zimmak mahnte: „Wir haben eine Verantwortung. Das macht mir Angst, was heute passiert mit den Flüchtlingen.“

Auch Maren Schmidt (56) erzählte von ihrem Großvater, dem Landwirt Wilhelm Wulff aus Brachenfeld: „Er war eigenwillig, zäh, dickfellig, gehörte keiner Partei an, weigerte sich, Vieh abzutreten. Die Gestapo holte ihn ab.“ Er habe nur per Zufall überlebt, weil er mit dem feurigen Pferdegespann des Lagerleiters umgehen konnte, sagte sie.

Heinrich Kautzky von der Biografie-Arbeitsgruppe und Lehrer Sören Krusemark ließen den Todesmarsch lebendig werden. „Die Reaktionen der Anwohner reichten von Schweigen, Scham, Spott bis zur Hilfsbereitschaft“, sagte Krusemark. „Im jüdischen Glauben heißt es, solange ein Name bekannt ist, wird der Mensch nicht vergessen. Deswegen forschen wir“, sagte Kautzky.

Anschließend wurde an der Kieler Straße eine Gedenktafel gegenüber der Einmündung Industriestraße aufgestellt. Sie erinnert an die Erschießung eines unbekannten russischen Gefangenen. Pastor Christian Dahl von der Christuskirche, mahnte: „Es ist wichtig, Globales und Lokales zusammenzukriegen. Was in Auschwitz passierte, wissen viele, aber in Einfeld?“ Stadtteilvorsteher Sven Radestock ermutigte die Schüler: „Demokratie ist anstrengend, aber Ihr könnt Euch einsetzen für das, was menschlich ist.“

Zu Ehren von Claire Franke-Löwenstein, ihrer Schwester Ruth und Mutter Elfriede wurde ein Apfelbaum auf der Alten Obstwiese gepflanzt. Sie überlebten den Todesmarsch, wurden später gerettet. Claire lebt heute in den USA im Altersheim. „Es wäre schwer für sie, nach Deutschland zu kommen“, so Kautzky. Umso erfreulicher waren Claires Worte in einer Mail an Kautzky: „Liebe Freunde, sorry, dass ich nicht kommen kann. Ich erinnere mich an den langen Weg, meine Mutter drängte uns, immer weiterzulaufen. Ich fühle mich geehrt, dass ein Apfelbaum für meine Familie gepflanzt wird.“

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erstellt am 06.Dez.2016 | 07:45 Uhr

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