Grippewelle sorgt für Engpässe : Krankenhäuser in SH platzen wieder aus allen Nähten

Überlastete Krankenhäuser: Vielfach gehört es zum Alltag, dass Patienten zeitweise auf den Fluren untergebracht werden müssen. Symbolbild.

Überlastete Krankenhäuser: Vielfach gehört es zum Alltag, dass Patienten zeitweise auf den Fluren untergebracht werden müssen. Symbolbild.

Erkältungszeit, Grippewelle – viele Krankenhäuser sind derzeit besonders überlastet und müssen Kranke auf Fluren unterbringen. Eine Patientin berichtet.

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08. Februar 2018, 15:32 Uhr

Neumünster/Kiel | Seit fünf Tagen liegt Petra Walther im FEK Neumünster. Am Freitagabend wurde sie eingeliefert. Ein Infekt, schwere Herz-Rhythmus-Störungen. Die überwiegende Zeit ihres Krankenhausaufenthalts hat die 60-Jährige auf dem Flur verbracht. Montagfrüh musste sie erstmals ihr Bett räumen. Über Nacht konnte sie zwar zurück in das Zimmer, aber nur unter Vorbehalt. Schon Dienstagfrüh ging es wieder vor die Tür. Dort wird sie bis Mittwochmittag liegen, mit dem Koffer unterm Bett – zeitweise verzweifelt und ängstlich.

Bei der Berechnung der für die Versorgung erforderlichen Betten wird nach Aussage des Gesundheitsministeriums eine Durchschnittbetrachtung über das gesamte Jahr vorgenommen. Für die Erstellung des Krankenhausplanes 2017 wurde anhand eines Entwicklungsfaktors für jede Fachabteilung die für die Versorgung erforderliche Zahl der Betten ermittelt. Dabei spielen Fallzahlen der Vergangenheit und erwartete Auslastung unter Berücksichtigung der demografischen Entwicklung eine Rolle. Der jeweilige Entwicklungsfaktor wird dann auf das einzelne Krankenhaus angewendet.

„Mein Arzt hat gesagt, ich brauche Ruhe, aber wie soll das hier gehen.“ Ja wie eigentlich? Um sie herum geht es zu wie auf dem Bahnhof. Es ist laut. Putz- und Essenswagen rollen vorbei, andere Patienten werden vorbeigeschoben. Besucher, Schwestern, Ärzte – alle rennen um sie herum. Weil einer der Patienten bewacht werden muss, laufen zusätzlich noch Polizisten auf dem Flur auf und ab. Und wenn ein Pfleger mal an den Schrank muss, wird Petra Walther eben kurz zur Seite gerollt. Erholung und Intimsphäre? Fehlanzeige.

FEK bittet um Verständnis

Auch für das Personal ist es eine schwierige und unbefriedigende Situation. Und trotzdem ist es Alltag in vielen Krankenhäusern. „Zu Beginn des Jahres ist die Belegung immer sehr hoch“, teilte FEK-Pressesprecherin Maren von Dollen auf Anfrage mit. Es ist Grippe und Erkältungszeit. Derzeit habe man eine Belegung von 99 Prozent. „Zeitweise liegt sie aber auch bei über 100 Prozent. Im Notfall müssen wir Patienten leider auf dem Flur unterbringen.“

In einem Aushang bittet das Krankenhaus um Verständnis und Entschuldigung. Man sei bemüht, die Flurbelegung so gering wie möglich zu halten. Auch personelle Engpässe machen dem FEK zu schaffen, heißt es da. „Der aktuell grassierende Virus macht leider auch vor unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nicht halt.“ Mit Zeitarbeitsfirmen und Überstunden versuche man den Betrieb so störungsfrei wie möglich zu gestalten. „Das gelingt leider nicht immer.“

Alles andere als erfreulich, aber Flurbetten seien leider Alltag an deutschen Krankenhäuser, sagt auch Oliver Grieve, Pressesprecher am UKSH. Auch am Standort Kiel sei die Situation derzeit zusätzlich angespannt. „Bauzustand und Personalmangel bereiten uns ja grundsätzlich Sorgen. Und derzeit melden sich auch wieder viele Krankenhäuser von der Notfallversorgung ab, weil sie überlastet sind. Die Patienten, die woanders nicht untergebracht werden können, müssen von uns als Maximalversorger aufgenommen werden.“ Am Mittwoch habe es acht Flurbetten gegeben. „Bei insgesamt rund 1000 Betten also im Promillebereich. Niemand will das, aber da, wo es ärztlich zumutbar ist, kommt es zeitweise vor.“

In Neumünster habe Petra Walther zwischenzeitlich gleich mit vier weiteren Patienten auf der Station für Lungen- und Herzkrankheiten gelegen. Die Schwestern würden sich Mühe geben. „Am Dienstagabend wurde ich an das Ende des Flurs gebracht, hier ist mehr Platz. Man hat sogar einen Raumteiler aufgestellt. Dafür ist es dort sehr kalt.“

Krankenkassen fordern Lösungen

Für die Genesung der Patienten ist das alles andere als förderlich. Auch Krankenkassen fordern deshalb, geeignete Lösungen für Belegungshochzeiten. Möglich sei etwa ein transparentes Verteilungssystem für Schleswig-Holsteins Krankenhäuser. „So könnten Patienten aus einer überfüllten Station in ein freies Bett einer anderen Klinik verlegt werden“, sagte der Leiter der Techniker Krankenkasse Schleswig-Holstein, Dr. Johann Brunkhorst gegenüber shz.de. Entsprechende Kooperationen gebe es zum Teil bereits. „Auch klinikinterne Lösungen müssen voll ausgeschöpft werden. Vielleicht gibt es eine geeignete Station in der Nähe, auf der noch Plätze frei sind. Das wäre immer noch besser, als auf dem Flur schlafen zu müssen."

Das Gesundheitsministerium habe bereits reagiert. Durch eine Herabsetzung der rechnerischen Soll-Auslastung etwa in der Inneren Medizin sollen insgesamt mehr Betten in den Krankenhäusern zur Verfügung stehen. „Entsprechende Baumaßnahmen an den Krankenhäusern sind derzeit in Planung und zum Teil bereits in der Umsetzung“, teilte Pressesprecher Christian Kohl auf Anfrage mit.

Das Problem der Personalnot und des Fachkräftemangels können diese Maßnahmen jedoch nicht beheben. Wenn es mehr Kapazitäten gibt, muss auch dauerhaft die medizinische Versorgung dafür bereitstehen.

Eine gute Nachricht gab es am Mittwoch dann doch noch für Petra Walter. Sie darf wieder nach Hause. Bekommt nun Medikamente und muss wegen ihrer Herz-Rythmus-Störungen allerdings weiter behandelt werden. „Ich freue mich, jetzt zuhause wieder in Ruhe zu Kräften zu kommen.“

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