Flüchtlinge in Boostedt : „Kontakte lassen sich nicht verordnen“

Seit 18 Jahren ist Ulf Döhring Chef des Landesamtes in Neumünster. Er sagt: „Ja, auch in Boostedt ändert sich die Stimmung, je nachdem, welche, Menschen, zum Teil auch Einzelne, dort wohnen.“
Seit 18 Jahren ist Ulf Döhring Chef des Landesamtes in Neumünster. Er sagt: „Ja, auch in Boostedt ändert sich die Stimmung, je nachdem, welche, Menschen, zum Teil auch Einzelne, dort wohnen.“

Ulf Döhring, Chef des Landesamtes für Ausländerangelegenheiten, spricht über das Klima in der Boostedter Flüchtlingsunterkunft und Gewaltprävention.

von
16. August 2018, 09:00 Uhr

Boostedt | Seit 25 Jahren gibt es das Landesamt für Ausländerangelegenheiten (LfA). Seit 1. März 2000 ist Ulf Döhring (57) Chef des Landesamtes in Neumünster, damit seit 2015 auch der Außenstelle Boostedt. Hartmut König, Bürgermeister von Boostedt, beklagt aktuell, dass sich das Klima in der Gemeinde verändert habe. Er kritisiert die Anzahl der Flüchtlinge, das „robuste Auftreten“ insbesondere von jungen Männern. Aus diesem Grund sprach Courier-Redakteurin Susanne Otto mit dem Chef der Landesunterkunft über die Verteilung der Flüchtlinge, über Konflikte und seine persönliche Einschätzung.


In Neumünster mit über 80 000 Einwohnern sind derzeit (Hinweis: 15.08.18) 558 Flüchtlinge untergebracht, in Boostedt mit 4600 Bürgern 1347 Flüchtlinge? Warum ist die Verteilung so ungleich?
Das Landesamt für Ausländerangelegenheiten belegt die zur Zeit noch zwei Liegenschaften mit Asylsuchenden unter Berücksichtigung ihrer jeweiligen Kapazität vergleichbar. Die derzeitige Auslastung in Boostedt beträgt rund 80 Prozent, in Neumünster 72 Prozent.
Dabei halten wir in Neumünster regelmäßig einen größeren Puffer vor, um die Erstaufnahme von neu Eintreffenden, deren Zugang unregelmäßig ist, jederzeit zu gewährleisten.


Die Schule für Flüchtlinge und das Zentrum für ausreisepflichtige Flüchtlinge sind in Boostedt und nicht in Neumünster. Aus welchem Grund?
In beiden Einrichtungen finden Asylsuchende die gleichen Angebote vor; neben der sehr differenzierten Betreuung durch das DRK Neumünster ist ein Ärztlicher Dienst tätig, der die Menschen medizinisch versorgt. Schulpflichtige Kinder werden in beiden Einrichtungen von Lehrkräften beschult, die jeweils an die örtlichen Schulen angebunden sind. In Neumünster ist das die Hans-Böckler-Schule als DaZ-Zentrum (Deutsch als Zweitsprache). Erwachsene können erste Sprachkurse und Integrationskenntnisse über die sogenannten WISH-Kurse, Willkommen in Schleswig-Holstein, besuchen, getragen von der Volkshochschule in Neumünster und Boostedt.

Die Landesunterkunft für Ausreisepflichtige, in der Ausländer aufgenommen werden, die vorher dezentral in Schleswig-Holstein wohnten, werden von uns mit dem Ziel beraten, von dort freiwillig auszureisen. Sie ist aufgrund der größeren Platzkapazität in Boostedt untergebracht.


Wie lange ist ein Asylbewerber oder ausreisepflichtiger Flüchtlinge im Durchschnitt in der Landesunterkunft und was gehört zur Grundversorgung?
Die Aufenthaltsdauer in den Landesunterkünften ist sehr unterschiedlich: Während Asylsuchende aus Staaten mit hoher Bleibeperspektive, etwa aus Syrien oder dem Jemen, in Erwartung einer positiven Antwort auf ihren Asylantrag durch das Bundesamt für Flüchtlinge nach rund drei Wochen verteilt werden, hat der Gesetzgeber bestimmt, dass Menschen aus sogenannten sicheren Herkunftsländern, vornehmlich aus dem Balkan, bis zur Entscheidung des Bundesamtes über ihren Antrag in der Einrichtung bleiben. Bei Ablehnung des Asylgesuchs sollen sie bis zur Ausreise in den Einrichtungen wohnen.

Aber auch Asylsuchende aus anderen Ländern, deren Antrag absehbar abgelehnt wird oder die wahrscheinlich in andere europäische Staaten ausreisen müssen, um dort um Schutz nachzusuchen, bleiben länger bei uns. Je nach Entwicklung des Verfahrens müssen zum Beispiel Papiere für die Ausreise ins Heimatland besorgt werden oder sind Abstimmungen mit anderen europäischen Ländern notwendig. Dann kann der Aufenthalt auch schon ein Jahr betragen.

Wir gewähren Unterstützung, sogenannte Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz, durch Sachleistungen. Dazu gehört die Möglichkeit, dreimal täglich in einer Kantine zu essen und zu trinken, altersgerechte Nahrung für Kinder und Säuglinge dort zu erhalten. Auch das Wohnen in möblierten Zimmern, die Nutzung von Sanitäreinrichtungen und einiges mehr gehören dazu.
Daneben erhalten die in den Landesunterkünften Lebenden ein sogenanntes Taschengeld. Beispielsweise Alleinstehende können monatlich über 135 Euro, verheiratete pro Person über 122 Euro oder erwachsende Kinder und Jugendliche je nach Alter über bis zu 108 Euro verfügen.


Kann die Einrichtung in Neumünster nach Ihrer Einschätzung auf Dauer ohne Boostedt auskommen?
Bis 2024 soll die Landesunterkunft in Boostedt, wenn auch ab 1. Dezember 2019 mit reduzierter Belegung, genutzt werden. Das ist Zeit genug, um zum Beispiel auch durch Ertüchtigung der hiesigen Liegenschaft ausreichend Kapazitäten zu schaffen, aber auch, um die Bedarfe einzuschätzen. Ich erinnere daran, dass das Land 2015 rasch und erfolgreich die damals sehr vielen Asylbewerber sehr angemessen aufgenommen hat. Und: Das Land hat auf der Liegenschaft Haart in Neumünster erst 2016/2017 das Haus 5 abgerissen, um Platz für einen noch nicht errichteten Neubau zu schaffen.
Schließlich streben wir an, die Ausreisen derjenigen, die keine Perspektive haben, zu beschleunigen.


In der Landesunterkunft in Boostedt sind private Dienstleister wie Wachdienst, Caterer, Reinigungsunternehmen tätig. Gibt es dort eine große Fluktuation und Probleme zwischen Mitarbeitern und Flüchtlingen?
Gravierende Probleme oder Auseinandersetzungen zwischen Mitarbeitern der privaten Dienstleister und Flüchtlingen sind mir nicht bekannt.

Hat sich das Klima in der Boostedter Landesunterkunft verändert, seitdem dort abzuschiebende Flüchtlinge untergebracht sind?
Aus den langen Jahren meiner Tätigkeit weiß ich, dass sich Stimmungen und das Gott sei dank ganz überwiegend friedliche Zusammenleben immer wieder verändert, je nachdem, aus welchen Staaten und Situationen Flüchtlinge kommen, ob sie zum Beispiel als Familie eingereist sind, Perspektive auf ein Bleiberecht in Deutschland haben oder sich darauf vorbreiten müssen, auszureisen. Ja, auch in Boostedt ändert sich die Stimmung, je nachdem, welche Menschen dort wohnen.



Wie wirken Sie Konflikten entgegen?
Schwerpunkt der nicht polizeilichen vorbeugenden Tätigkeit, also der Prävention vor Gewalt, ist ein umfangreiches Angebot an Betreuung, Freizeitgestaltung aber auch Beratung. Einiges habe ich schon beispielhaft genannt. Dazu kommen ferner Freizeitangebote für Jugendliche, Möglichkeiten für Erwachsene, aber auch Beratung durch qualifizierte Kollegen des DRK über die Perspektive der einzelnen, die Beratung bei Konflikten oder familiären Problemen.
Von Anfang an achten wir darauf, Konflikte zu vermeiden, zum Beispiel der Unterbringung und Zuweisung der Zimmer. Auch haben wir besondere Schutzbereiche, etwa für alleinreisende Frauen.



Es wird immer wieder beklagt, dass die Flüchtlinge keine Aufgabe haben. Wie können und dürfen Sie da Abhilfe schaffen? Welche Betätigungsmöglichkeiten gibt es in der Unterkunft?
Richtig ist, dass Asylsuchende während der Wohnverpflichtung in einer Erstaufnahmeeinrichtung nicht arbeiten dürfen, anschließend bei Fortdauer des Verfahrens oder bei eingetretener Ausreisepflicht als sogenannter Geduldeter, nur mit Zustimmung der Ausländerbehörde und der Arbeitsagentur. Tatsächlich werden jedoch sehr selten entsprechende Anträge gestellt. Stattdessen bieten wir bei uns in den Landesunterkünften Wohnenden an, zum Beispiel sogenannte gemeinnützige Tätigkeiten – Reinigungs- und Pflegearbeiten – zu übernehmen. Diese werden leider nur mit 80 Cent die Stunde vergütet. In Boostedt sind derzeit rund 90 Personen in diesem Rahmen tätig, zum Beispiel auch bei der Reinigung von Flächen außerhalb der Unterkunft.



Was tun Sie für die Akzeptanz zwischen Flüchtlingen und Boostedtern?

Ich freue mich, dass unser Betreuungsverband zum Beispiel durch Zusammenarbeit mit ehrenamtlich Engagierten aus Boostedt, aber auch regelmäßigen öffentlichen Veranstaltungen die Einrichtung öffnet und Begegnung ermöglicht, so zuletzt beim Frühlingsfest. Das LfA freut sich auch über jedes ehrliche Interesse und ermöglicht Besuche von Vereinen, Schulklassen oder Ähnliches.
Aber: Gegenseitiges Kennenlernen und Kontakte sind immer individuell und lassen sich nicht verordnen.



Gibt es Angriffe auf Flüchtlinge oder Klagen, dass sie von den Boostedtern nicht akzeptiert würden?
Mir sind zum Glück weder Angriffe noch negative Reaktionen der Boostedter wie Beschimpfungen gegenüber Flüchtlingen bekannt geworden. Ich glaube und hoffe auch, dass es nicht dazu kommt.



Wie belastend ist die Diskussion um den Standort Boostedt für Sie persönlich?
Ich bedauere am meisten, dass das unangemessene Verhalten Weniger augenscheinlich dazu führt, das bisher immer positive
Engagement der Bürger für die deutliche Mehrheit der sich korrekt verhaltenen und um Schutz suchenden Flüchtlinge zu überlagern droht.


zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen