Theater : Kleists Familie Schroffenstein: Geschichte einer Feindschaft

Frühwerk den Dramatikers gewinnt durch geschickte Eingriffe des Regisseurs

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24. Januar 2015, 08:00 Uhr

Neumünster | Auf der Bühne zwei Kindersärge, um jeden Sarg eine Familie. Zu diesem eindringlichen Bild singt ein Kinderchor die Worte „Rache, Rache, Rache schwören wir“ und benennt damit den Hauptimpuls aller Beteiligten in Heinrich von Kleists (1777-1811) Erstlingswerk „Die Familie Schroffenstein“.

1802/3 steckte der junge Kleist in einer tiefen Sinnkrise, reiste in die Schweiz, mietete sich eine Insel in der Aare, um dort „abzuwarten, wie sich die Dissonanz der Dinge auflösen wird“ (Kleist). Dabei half ihm das Schreiben, die therapeutische Aufarbeitung der Zweifel und Verzweiflung an sich selbst, und mit fieberhaftem Eifer entwarf er die Geschichte zweier verfeindeter Familienstämme. Sie sind alle Schroffensteiner, doch gehören die einen dem Hause Rossitz, die anderen dem Hause Warwand an.

Ein unseliger Erbvertrag kettet sie aneinander: Wenn eine Linie ausstirbt, erbt die andere den gesamten Besitz. Die Mitglieder beider Häuser begegnen einander mit Misstrauen und Vorurteilen, streuen Verleumdungen und Gerüchte und begegnen sich in offener Feindschaft. Immer rasanter dreht sich die Gewaltspirale, bis am Ende zwei Väter über den Leichen ihrer Kinder, die nicht anderes wollten als sich lieben, (vielleicht) zur Besinnung kommen.

Schon in diesem noch unreifen, mit Herzblut und Talent geschriebenen Schauspiel ist viel von Kleists späteren Meisterwerken (z. B. Der zerbrochene Krug; Das Käthchen von Heilbronn; Prinz von Homburg) enthalten.

Um „Die Familie Schroffenstein“ spielbar zu machen, bedarf es der strukturgebenden Hand eines Regisseurs, der den Kern des Geschehens und – sofern vorhanden – dessen Aktualität herausarbeitet. Das versuchte Wolfram Apprich, indem er den ausschweifend-langen Text gehörig „eindampfte“, indem er die fünf Akte zu einer sich ständig beschleunigenden Handlung komprimierte und sie pausenlos durchspielen ließ. Martin Fischer erdachte die Kostüme (alle in einem mehr oder minder militärischen Look) und eine in sich mehrfach drehbare, sehr dominante Bühnenkonstruktion, die durch rasante „Fahrten“ viel Dynamik in die Aufführung brachte. Nicht weniger belebend die Musik- und Geräusch-Untermalungen von Christoph Coburger. Dem Darstellerensemble fiel es nicht leicht, Kleists Personen Profil zu geben und aus verbohrten Prinzipienreitern Menschen zu formen. Das gelang dem jungen Paar Agnes (Manja Haueis) und Ottokar (Daniel Ratthei) recht gut, bis die schon bei Kleist absurd-lächerliche Schlussszene diesen Eindruck wieder zunichtemachte. Tief gefangen in ihrem Rachewahn, aber um Nuancen bemüht gestalteten Reiner Schleberger (Rupert) und Uwe Cramer (Sylvester) die Familienoberhäupter. Ihre Frauen (beide gespielt von Lisa Karlström) zeigten leider kaum individuelle Konturen. Zum Schluss gab es freundlichen Beifall von 250 Zuschauern für den halb gelungenen Bühnentauglichkeitstest mit der „Familie Schroffenstein“.










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