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Kritische Diskussion : Kleidungskauf ist eine Zerreißprobe

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Gut 50 Besucher lauschten am Sonnabend im Museum Tuch + Technik einer Diskussion über die Produktionsbedingungen von Textilien.

Neumünster | „Ob Sie Markenware anziehen oder billige Kleidung vom Discounter – die Textilien werden in Billiglohnländern hergestellt, wo die Arbeiter am Hungertuch nagen.“ So lautet eine ernüchternde Mitteilung, die am Sonnabend eine Diskussionsrunde aus Experten zum Thema „Nachhaltigkeit und Fair Trade in der Textilherstellung – Über den hohen Preis billiger Kleidung“ den gut 50 Besuchern im Museum Tuch  +  Technik gab. Stephan Richter, Sprecher der Chefredakteure des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlages (sh:z), moderierte auf dem Podium und befragte fünf Spezialisten aus der Textilbranche.

„Einige Labels sind so schlimm wie Discounter“, verkündete Christoph Lütgert, der prominenteste Gast der Runde. Der mehrfach ausgezeichnete Journalist und ehemalige Chefredakteur des NDR hat 2010 mit seiner Reportage „Die Kik-Story“ über die menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen bei dem Unternehmen einen Skandal ausgelöst. „An T-Shirts für zwei Euro das Stück klebt Blut. Aber ein Shirt, das 190 Euro kostet, muss nicht besser sein“, bestätigte Rolf Heimann von der Hess-Natur-Stiftung.

Also sollte der kritische Verbraucher lieber zu Kleidung greifen, die in Europa produziert wurde? „Die Löhne in Osteuropa sind noch niedriger als in China. Dort gibt es einen Mindestlohn von 200 Euro, in Bulgarien verdienen Arbeiter 139 Euro“, lautete die alarmierende Antwort von Waltraud Waidelich, die sich im Hamburger Ableger der „Kampagne für saubere Kleidung“ für menschenwürdige Arbeitsbedingungen einsetzt. Die Konsequenz des Geiz-ist-geil-Verhaltens formulierte Christoph Lütgert zugespitzt: „Wir produzieren damit die Flüchtlingsströme, über die wir uns beschweren.“

Was kann der Verbraucher also tun, wenn weder der Blick aufs Markenschild noch aufs Herkunftsland Fairness garantiert? „Nichts. Der Konsument kann nichts tun. Die Politik muss tätig werden“, lautete Lütgerts Appell. Widerspruch kam von Ulricke Ott, ehemals Vorstandsmitglied im Verband der Naturtextilwirtschaft und heute Inhaberin des Modelabels Marlowe, das sich einen wertschätzenden Umgang mit Natur und Mensch zur Leitlinie macht: „Kaufen Sie nur ein T-Shirt statt fünf und flicken Sie Ihre Kleidung, anstatt sie wegzuschmeißen.“ Und mit Hinblick auf Insektizide, die im konventionellem Anbau dem Massenrohstoff Baumwolle zugesetzt werden und an dem viele Arbeiter sterben, meinte sie: „Daher ist Bio schon fair.“ Der Ball liegt natürlich auch bei der Wirtschaft. Nortex-Geschäftsführerin Ingrid Först setzt auf Transparenz im Produktionsprozess: „Wir fragen unsere Lieferanten jährlich ab: ‚Wo, wie und was produziert ihr?‘“

Beim Publikum kam die informationsreiche Gesprächsrunde gut an. Besucher Jürgen Schwartz aus Neumünster meinte: „Es war eine Bestätigung, dass der Verbraucher viel selbst in der Hand hat und auf Etikettierung nicht unbedingt Verlass ist.“

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erstellt am 24.Aug.2015 | 11:00 Uhr

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