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Holsteinischer Courier

20. August 2017 | 23:32 Uhr

Vicelinkirche : Klagelieder in der Dunkelheit

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Bei einem besonderen Konzert wurden am Karfreitag in der Vicelinkirche nach und nach die Lichter gelöscht.

Neumünster | Am Karfreitag kamen gut 100 Besucher in die Vicelinkirche, um gemeinsam Jesu Tod am Kreuz zu gedenken. Mit der Choralbearbeitung von Johann Sebastian Bachs „O Lamm Gottes unschuldig“ aus dem Leipziger Autograph (BWV 656) führte Dr. Karsten Lüdtke, Kantor und Organist der Vicelinkirche, an der Marcussen-Orgel in das Karfreitags-Konzert ein.

Damit knüpfte er an die Darbietung des Kinderchores II im vergangenen Jahr an. Anschließend gab die Kölner Sopranistin Nicole Ferrein eindrucksvoll die Klagelieder des Jeremia wieder, die „Leçons des ténèbres“ in der Vertonung des französischen Barockkomponisten Michel Richard de La Lande. Begleitet wurde sie von dem österreichischen Barock-Cellisten Leonhard Bartussek sowie von Karsten Lüdtke an der Orgel und am Orgelcontinuo. „Die vorgetragenen Texte sind neben der Klage auch von einem Ringen und Hadern mit Gott gekennzeichnet“, erläuterte Dr. Lüdtke in seinem Programm.

Abgesehen von wenigen Lichtstrahlen der Abendsonne, die durch die Fenster ins Kircheninnere drangen, sorgten lediglich fünf Kerzen hinter den Musi-kern für Licht während des Konzerts. In dieser Darbietung wurde der liturgische Brauch aufgenommen, der bereits im 18. Jahrhundert in Frankreich üblich war: Nach jedem musikalischen Beitrag las Manfred Scheuermann die Passion nach Matthäus. „Jerusalem, Jerusalem, bekehre dich zu Gott, deinem Herrn“, beendete er jeden der drei Texte und löschte jeweils eine der Kerzen. Ein ritueller Brauch „im Sinne des geistlichen Gesamtkunstwerks“, hieß es.

Dr. Karsten Lüdtke beendete das beeindruckende Konzerterlebnis mit Bachs großem Praeludium in e-moll, BWV 548. Jetzt war das kleine Licht an der Orgel, das Lüdtke die Noten und Register offenbarte, die einzige Lichtquelle – bis auch sie mit dem letzten Ton des Instruments erlosch und in der Kirche für wenige Minuten völlige Dunkelheit und nahezu greifbare Stille herrschten. Als das Licht wieder eingeschaltet wurde, verließen die Besucher ohne Applaus und leise die Kirche. In der Osternacht erlebten einige von ihnen gemeinsam mit dem Bach-Chor den umgekehrten Weg in der Vicelinkirche: In der Dunkelheit gingen sie hinein, im Licht kamen sie wieder heraus.

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erstellt am 18.Apr.2017 | 09:00 Uhr

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