Kitsch, der begeistert

Tragisches Ende: Jenny (Elisabeth Köstner), die ihre Träume für ihren Mann (Jürgen Brehm) aufgab, verstirbt früh.
Tragisches Ende: Jenny (Elisabeth Köstner), die ihre Träume für ihren Mann (Jürgen Brehm) aufgab, verstirbt früh.

Theater für Niedersachsen Hildesheim inszeniert „Love Story“ und wird frenetisch gefeiert

shz.de von
29. Mai 2018, 09:00 Uhr

Triefender Herzschmerz und Kitsch erfüllten am Wochenende den Theatersaal in der Stadthalle. Das Theater für Niedersachsen Hildesheim war zu Gast und präsentierte „Love Story“, ein Musical von Erich Segal, mit Musik von Stephen Clark und Howard Goodall.

Es geht um die tragische Liebe zweier gegensätzlicher Charaktere. Da ist die talentierte Pianistin Jenny (Elisabeth Köstner), die aus armen Verhältnissen stammt und die einmalige Chance bekommt, Musik in Paris zu studieren. Und da ist der Jurastudent Oliver (Jürgen Brehm), Sohn reicher Eltern, der immer hinter ihren Erwartungen zurück bleibt. Die beiden lernen sich kennen und lieben.

Gegen den Willen seiner Eltern heiraten sie. Jenny gibt ihren Traum für sein Studium auf und jobbt als Musiklehrerin, um ihr Leben zu finanzieren. Nach einigen Jahren schließt er das Studium erfolgreich ab und verdient genug Geld, um sie beide zu finanzieren. Sie ziehen in eine teure Wohnung nach New York. Nur mit dem Nachwuchs will es nicht klappen. Ärztliche Untersuchungen ergeben, dass Jenny Leukämie hat. Ihr bleiben nur noch wenige Monate.

Das Ensemble und die Inszenierung waren hervorragend. Die Stimmen der Schauspieler harmonierten wunderbar miteinander und der hohe, glasklare Gesang von Elisabeth Köstner bildete einen angenehmen Kontrast zu dem von Jürgen Brehm. Die Instrumentalisierung ist mit Streichern und Bläsern klassisch. Die Musik wird von dem Klavier getragen, womit Jennys Berufung besonders hervorgehoben wird. Howard Goodall verbindet klassische Motive von Johann Sebastian Bach und Gaetano Donizetti mit dem Soundtrack des gleichnamigen Films von Ryan O'Neal und Ali MacGraw.

So brillant die Leistung des Ensembles auch war, die Geschichte war kitschig, vorhersehbar und verblieb in starren Rollenmustern. Das arme, ehrgeizige Mädchen verliebt sich in den reichen Kerl, der unter dem Druck seines Elternhauses und seines Namens leidet. Noch abgedroschener geht’s gar nicht.

Die Liebesgeschichte war so zuckersüß, dass der Zuschauer schon förmlich am Sitz festklebte und das, obwohl Jenny anfangs ziemlich tough und abgeklärt ist. Ihren großen Traum gibt sie ohne groß zu überlegen auf, als Oliver vom Heiraten spricht. Bereitwillig nimmt sie ihre Rolle hinter dem Herd ein und schafft das Geld heran, damit ihr Mann studieren kann. Offenbar sind ihm Nebenjobs kein Begriff.

Teilweise ist die Geschichte auch unlogisch: Die Ergebnisse von Jennys Untersuchung teilt der Arzt (Tim Müller) zuerst Oliver mit – so viel zur ärztlichen Schweigepflicht. Die Therapie soll sehr teuer werden. Doch das ist egal, denn Jenny möchte sich nicht behandeln lassen. Aus irgendeinem Grund leiht sich Oliver trotzdem 10 000 Dollar von seinem Vater (Jens Krause). Es wird wohl eine teure Beerdigung.

Das Publikum war trotzdem begeistert: 570 Zuschauer applaudierten frenetisch. Viele fühlten sich offenbar an den gleichnamigen Film erinnert. Letztendlich geht es bei so einer Geschichte wohl nur darum, zu unterhalten – und das hat das Theater für Niedersachsen Hildesheim definitiv geschafft.

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