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Dürrenmatt-Stück : „Kill Ill“: Großes Theater mit kleinen Mitteln

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Humboldt-Schüler probten ein halbes Jahr / Es geht um Rache und Gerechtigkeit / Sparsames Bühnenbild mit großem Symbolcharakter

shz.de von
erstellt am 05.Feb.2016 | 17:00 Uhr

Neumünster | Ein großes, rundes Trampolin in der Mitte und davor ein langes Podest, beides in weiße Tücher gehüllt – ansonsten Leere auf der dunklen Bühne. Mit einer ungewöhnlichen Szenerie empfing der Projektkursus Theater seine 210 Gäste am Mittwochabend zur Premiere „Kill Ill“ im ausverkauften Forum der Alexander-von-Humboldt-Schule.

Inhaltlich weicht „Kill Ill“ kaum von Dürrenmatts Tragikomödie „Der Besuch der alten Dame“ ab. Auch hier heißen die Protagonisten Claire Zachanassian und Alfred Ill, auch hier kehrt Claire Zachanassian nach langer Zeit in ihren Heimatort zurück, um Rache für ein altes Unrecht zu üben, und wie in Dürrenmatts 1956 uraufgeführtem Welterfolg handelt „Kill Ill“ von Liebe, Verleumdung und der Frage: „Kann man Gerechtigkeit kaufen?“

Also alles beim Alten? Mitnichten! In der Inszenierung ihrer Lehrerin Alexandra Göpfert und unter Mitwirkung der neuen Kollegin Linda Gerkens gelingt den knapp 30 jugendlichen Darstellern ein ungemein modernes Bühnenstück. Schauspieler, Lichttechniker und Kostümbildner, allesamt Schüler des 13. Jahrgangs, bedienen sich äußerst kreativer Techniken. Kaum hat das Publikum Platz genommen, bewegen sich die Tücher auf dem Trampolin und zum Vorschein kommen zwei sich räkelnde Menschen – ohne ein gesprochenes Wort: eindeutig eine Liebesszene.

Dass die Bewohner der Kleinstadt Güllen Großes erwarten – auch klar: Überall auf den Bühne und im Zuschauerraum wird rhythmisch geputzt, gewienert und gefegt. Arm sind sie, die Güllener, und sie leiden darunter. Erkennbar an der braun-beigen Einheitskleidung und den ersten, eindringlich übers Mikrofon gesprochenen Sätzen des Abends: „Wir sind arme Schweine. Nichts ist schlimmer als die Armut“. Über den anfänglichen Seelenzustand der Bewohner ist damit alles gesagt. Doch was passiert mit Alfred Ill (großartig gespielt von Julius Becker)? Schließlich verspricht Claire Zachanassian (sehr überzeugend: Sophie Urzua) „eine Milliarde Dollar für Güllen, wenn jemand Alfred Ill tötet“. Ill hat Angst. Immer wieder wendet er sich verzweifelt an die Güllener. Und sie? Sie erliegen der Macht des Geldes und dem Luxus auf Pump. Anfangs sichtbar durch goldene Schuhe, am Schluss tanzend und in bunte Gewänder gekleidet mit Flachbildschirmen und Porsches unterm Arm. Alfred stirbt, die Umstände bleiben offen. Und die eiskalte Claire lässt noch einmal ihre tiefe Verletzung aufblitzen.

Ein halbes Jahr Zeit hatten die Oberstufenschüler für ihr Theaterstück. Sie haben dieses toll genutzt.

Die nächsten Vorstellungen von „Kill Ill“: heute und morgen um 19.30 Uhr. Restkarten gibt es an der Abendkasse oder im Vorkauf während der Schulpausen.

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