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Geschichtsstunde : Kant-Schüler trafen den Bundespräsidenten

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Im Zoo-Palast in Berlin sahen sie gemeinsam mit 650 Jugendlichen aus ganz Deutschland den aktuellen Film „Elser – Er hätte die Welt verändert“ und diskutierten mit Joachim Gauck

shz.de von
erstellt am 24.Apr.2015 | 05:30 Uhr

Neumünster | Sie haben ihn alle schon einmal im Fernsehen gesehen. Doch am Mittwochabend kamen 23 Schüler der Klasse Q1 h der Immanuel-Kant-Schule dem Bundespräsidenten ganz nah. Gemeinsam mit Joachim Gauck, weiteren Ehrengästen (siehe unten) sowie über 650 Schülern aus ganz Deutschland sahen sie im Zoo-Palast in Berlin den Film „Elser – Er hätte die Welt verändert“ und diskutierten anschließend mit dem Bundespräsidenten über die Thematik „Widerstand im Nationalsozialismus“.

Zu der Fahrt hatte der Holsteinische Courier eingeladen. Mitte März suchte die Zeitung eine Schulklasse aus der Stadt und bat um Bewerbungen. Letztlich überzeugten die 23 Oberstufenschüler aus der Kant-Schule durch ihr fundiertes Wissen (siehe Text unten). Die Kosten für die Tour trug der Schleswig-Holsteinische Zeitungsverlag (sh:z).

Gegen 9.30 Uhr ging es mit Hallo an der Kant-Schule los. Mit großen Erwartungen stiegen auch Katharina Radzko (18), Luisa Schulz (19), Nele Rennekamp (18), Paul Semler (17) und Nathalie Peters in den Bus ein: „Wir haben zwar schon einiges in der Schule über Elser gelesen. Ich würde aber gern noch mehr über die Hintergründe erfahren“, meinte Luisa. Auch ihre Klassenkameradin Nele interessierten die Beweggründe des Widerstandskämpfers sehr. Nathalie hoffte auf eine realitätsnahe Verfilmung. Der Namen Georg Elser war allen erst seit Kurzem ein Begriff.

Mindestens genau so gespannt wie auf den Film waren die jungen Neumünsteraner auf den Bundespräsidenten. Alle hofften, dass „er keine Politikerrede hält und dann geht, sondern wirklich mit den Schülern diskutiert“.

Doch noch mussten sie sich gedulden. In Schwerin stiegen gegen Mittag Oberstufenschüler zweier Berufsschulen aus dem Verbreitungsgebiet des Partnerverlags Schweriner Volkszeitung zu. Und auch später , am Ziel im berühmten Zoo-Palast, hieß es erst einmal: warten. Der hohe Sicherheitsstandard für den ersten Mann im Staat hatte oberste Priorität. Ins Kino durfte nur, wer seine persönlichen Daten vor Wochen eingereicht hatte. Taschen wurden durchsucht, Kameras begutachtet. Eine Dreiviertelstunde bevor Joachim Gauck gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Daniela Schadt und weiteren Ehrengästen den riesigen Kinosaal betrat, durfte niemand mehr seinen Platz verlassen. Stattdessen gab es Kurzfilme zur Unterhaltung. In Reihe A ganz hinten im Saal hatten die Neumünsteraner beste Sicht auf das Geschehen.

Und dann war er da. Flankiert von Sicherheitsleuten betrat Joachim Gauck den Saal, winkte und strahlte über das ganze Gesicht. „Wo kommt ihr her?“, wollte er noch schnell von einigen Jugendlichen im Vorbeigehen wissen, bevor er in der Mitte des Saals in der Vip-Reihe Platz nahm. Dann hieß es: Film ab!

113 Minuten später herrschte erst einmal Stille. Minutenlang. Gebannt schauten fast 700 Gäste weiter auf die Leinwand, wo zuvor Naziterror aber auch private Momente aus dem Leben des Widerstandskämpfers Georg Elser das Geschehen bestimmt hatten. Dann brach der Beifall los. Im Halbdunkeln des Kinosaals wurde derweil hektisch das Podium vor der Leinwand für die Diskussion mit dem Bundespräsidenten aufgebaut. Dann huschte die Promi-Riege wieder abgeschirmt von Sicherheitsleuten nach vorn. Als das Licht anging, saßen neben dem Bundespräsidenten der Hauptdarsteller Christian Friedel, Regisseur Oliver Hirschbiegel und Prof. Dr. Johannes Tuchel, Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand mit auf dem Podium. Es moderierte der Drehbuchautor und Produzent Professor Dr. Fred Breinersdorfer.

Eindrucksvoll schilderte Gauck seine Gefühle zu dem Film über den in Deutschland nach wie vor wenig bekannten Widerstandskämpfer. „Ich war fünf Jahre alt, als der Krieg vorbei war. Ich erinnere mich an ängstliche Gesichter. Später habe ich aufgesogen, was die Eltern und Großeltern erzählten. Doch auch das Schweigen wurde verbissener“, erzählte Gauck. Dann waren die Schüler an der Reihe, durften aus dem Saal heraus per Mikrofon ihre Fragen stellen. „Hätte Elser wirklich die Welt verändert, wenn das Attentat geklappt hätte?“ „Sind Anschläge tatsächlich eine Lösung – auch heute?“

„Der Film macht keine Reklame für Attentate. Nehmen Sie ihn nicht als Regieanweisung, mit denen umzugehen, die uns politisch nicht gefallen“, warnte Gauck. Stattdessen schärfte er das Bewusstsein für die Verantwortung, die ein Leben in einer Demokratie wie Deutschland mit sich bringt, lobte ausdrücklich all diejenigen, die zum Beispiel gegen Pegida friedlich auf die Straße gehen. „Mach dich nie gemein mit denen, die so tun, als hätten sie keine Wahl“, gab Gauck auch den Neumünsteranern mit auf den Weg.

Die waren begeistert. „Joachim Gauck war nicht nur Politiker, sondern auch Mensch. Er hat persönlich gesprochen und uns an seinen eigenen Erinnerungen und Ideen teilhaben lassen“, lobte Katharina. Lediglich seine Zurückhaltung zum Umgang mit aktuellen Krisen bedauerten die Schüler ein wenig. „Aber das bringt sein Amt wohl mit sich“, so ihre Deutung.

„Der Film hat den Charakter von Elser gut gezeigt“, meinten Luisa und Paul. Allerdings hatte mancher Schüler mit den sehr detaillierten Folter- und Hinrichtungsszenen durchaus Probleme. „Es ist gut, dass wir das im Unterricht alles noch einmal aufbereiten und besprechen können“, waren sich alle einig. „Der Film, der Bundespräsident, das riesige Kino – das ist schon ein Erlebnis, das tiefer sitzt“, fasste Nathalie ihre Eindrücke zusammen.

 

 

>Auswahl aus der Gästeliste:

Bundespräsident Joachim Gauck, Lebensgefährtin Daniela Schadt; John B. Emerson, Botschafter der USA; Dieter Kosslick, Direktor Berlinale; Johannes Tuchel, Leiter Gedenkstätte Deutscher Widerstand.

Vom Filmteam u.a.: Oliver Hirschbiegel, Regisseur; Christian Friedel, Hauptdarsteller, Fred Breinersdorfer, Drehbuch/Produzent.

Schüler aus Berlin, Dachau, Schwerin, Münster, Neumünster, Bremen und Potsdam. Eine Schulklasse aus Marburg musste wegen des Bahnstreik kurzfristig absagen.

 

 

 

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