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Kabarett : Jens Neutag sezierte den Alltagswahnsinn: Manchem blieb die Luft weg

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

„Das Deutschland-Syndrom“ war das Thema im Statt-Theater.

„Wir Deutschen haben sie nicht mehr alle“, stellte Kabarettist Jens Neutag am vergangenen Freitag im Statt-Theater ganz fest, und 165 Zuschauer applaudierten kräftig. Dann zog er mit seinem sechsten Soloprogramm „Das Deutschland-Syndrom“ vom Leder, dass die Gäste nur die Wahl hatten zwischen Sprachlosigkeit und schallenden Lachsalven.

Mit einem vitalen und rhetorisch gekonnten Sprach-Schnellfeuer hielt er den Deutschen – natürlich auch denen im Saal – den Spiegel vor und sezierte schonungslos deren oft skurrile Verhaltensweisen: „Die Deutschen finden alles Sch…, vergiften sich mit Burger King und wählen alle vier Jahre Merkel“, tönte er. In den neun Jahren ihrer Regierungszeit habe sich allerhand getan, man brauche sich nur ihre Porträts in dieser Zeit ansehen, schob er nach.

Ein Höhepunkt des Abends waren die Erinnerungen des vom Raucherhusten geplagten Helmut Schmidt über SPD-Größen von Brandt über Wowereit bis zu Schröder, den „Gasableser Putins“. Auch von links kam Sperrfeuer durch die wohlgemeinten Hinweise von Che Guevara. Doch so richtig aufs Korn nahm der 1972 Geborene die Verhaltensweisen der „nicht ganz normalen Deutschen“, so beispielsweise die Armada der Schnäppchenjäger. Gegen deren Einkaufseinfall in ein Outlet-Center sei der Überfall der Wehrmacht auf Polen „nur ein lockerer Schulausflug gewesen“. Da blieb manchen Zuschauer die Luft weg.

Ebenso bitter bekamen es die Hallenbadbesucher und deren „Sonnenkönige“, die Schwimmmeister, ab. Neutag war überzeugt, dass die „Massenumkleiden den Charme von osteuropäischen Arbeitslagern haben“. Dann waren die Jogger, die „autistischen Schwitzfanatiker”, dran, die vom „Fetisch der Fettlosigkeit“ angetrieben würden. Ihnen auf dem Fuß folgten die Ernährungsberater und Fitnesstrainer, die schlimmer als Al-Qaida seien. Baugenehmigungen, Camping oder auch Coffee to got waren weitere Themen, die zu immer neuen Lachsalven herausforderten. Zum Kaffee auf der Straße meinte er: „Wenn jemand 20 Jahre im Gefängnis war, und das jetzt auf der Straße erlebe, würde er sich fragen, warum die Deutschen heute alle mit ihren Urinproben zur Arbeit führen.

Insgesamt kam Neutag zur Einschätzung, dass es die Deutschen mit der Anarchie „nicht so hätten“. Eine super Aktion sei schon, wenn es einer wage, heimlich Bioabfall in den Hausmüll zu befördern oder die gelben Säcke einen Tag früher herauszustellen. Ihr Verhältnis zum amerikanischen Geheimdienst NSA: Was ich nicht sehen kann, gibt es auch nicht.

Ein insgesamt bitterböser Abend mit brillanten Wortspielen, bissigen Kommentaren und abgründigen Wendungen, die den Zuhörern ordentlich Spaß brachten. So muss politisches Kabarett sein.

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