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24. Oktober 2017 | 10:20 Uhr

Jedes fünfte Kind nicht schulreif

vom

Experten warnen: Immer mehr Erstklässler verhaltensauffällig / Streit um Einschulung mit sechs Jahren

shz.de von
erstellt am 07.Aug.2013 | 03:59 Uhr

kiel | 22 000 Erstklässler werden in dieser Woche in Schleswig-Holstein eingeschult. "Doch nicht alle von ihnen sind schulreif", warnt Dr. Martina Mesing . Die Kinder- und Jugendärztin aus Bad Schwartau hat ein Bündnis aus über 130 Fachkollegen, Psychologen und Psychiatern geschmiedet, das eine Abkehr von der Zwangseinschulung mit sechs Jahren fordert. In den kinder- und jugendpsychiatrischen Praxen würden "immer öfter Entwicklungsverzögerungen oder Verhaltensauffälligkeiten festgestellt, durch die Kinder den Anforderungen des Regelunterrichts nicht gewachsen sind". Darauf verweisen die Experten in einem offenen Brief an Bildungsministerin Waltraud Wende (parteilos).

Bei 21 Prozent aller Schulanfänger fänden sich Verhaltensauffälligkeiten, betont Ute Thyen, Leiterin des Sozialpädiatrischen Zentrums der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Universitätsklinikum in Lübeck. Die Professorin wertet die jährlichen Einschulungsberichte im Auftrag des Landes aus. In der Motorik zeigten 14 Prozent der Schulanfänger Auffälligkeiten, bei den sprachlichen Fähigkeiten 13,8 Prozent. Insgesamt hätten im Norden 25 Prozent aller Kinder einen erhöhten Förderbedarf.

Thyen verweist da rauf, dass 2003 noch fünf Prozent eines Erstklässler-Jahrgangs wegen Entwicklungsverzögerungen zunächst vom Schulbesuch beurlaubt worden seien. 2007 wurde diese Möglichkeit abgeschafft. Anlass war die Einführung der dreijährigen flexiblen Eingangsphase. Sie eröffnet die Chance, die erste und zweite Klasse je nach Leistung in ein bis drei Jahren zu absolvieren. Seitdem muss jedes Kind, das bis zum 30. Juni eines Jahres sechs Jahre alt wird, im darauf folgenden Schuljahr eingeschult werden.

Diese Regelung sei "in Kraft getreten, ohne den Wechsel vorzubereiten oder ausreichend pä dagogisch und strukturell abzusichern", kritisiert Thyen in einem Schreiben an den Bildungsausschuss des Landtags. Der hat auf Antrag von FDP und CDU für kommende Woche eine Anhörung von gut einem Dutzend Experten zu dem Thema angesetzt. Davon hängt ab, ob die Forderung nach einem flexiblen Einschulungsalter in der Landespolitik eine Chance bekommt. "Es nützt nichts, den Schulbeginn für alle an einem Stichtag festzumachen, wenn dadurch Einzelne Probleme bekommen und die Wartezimmer bei Ärzten, Psychologen und Therapeuten überfüllt werden", meint die bildungspolitische Sprecherin der FDP, Anita Klahn.

Professorin Thyen empfiehlt für das künftige Schulgesetz, dass ein Kind ein Jahr zurückgestellt werden kann, wenn Kinderärzte erhebliche Zweifel an einem erfolgreichen Schulbesuch äußern. Unterstützung dafür signalisieren der Landeselternbeirat für Grundschulen, der Elternverein sowie der Landesverband der Kinder- und Jugendärzte. "Es ist extrem schwierig, eine glückliche Schulzeit zu haben, wenn der Anfang nicht gelingt", weist Kindermedizinerin Mesing auf einen Dominoeffekt hin. Dass sich die Schulreife in Einzelfällen verzögert, erklärt sie zum Teil mit schlechteren Startbedingungen von Kindern im heimischen Umfeld. Fehlende Zuwendung durch Zeitmangel und schwierige Familienverhältnisse forderten ihren Tribut. Der Vorsitzende des Landesverbands der Kinder- und Haus ärzte, Dethleff Banthien, sieht hohen TV-Konsum, Bewegungsmangel und schlechte Ernährungsgewohnheiten als weitere Faktoren für eine verzögerte Schulfähigkeit. Verschärft hat sich die Problematik laut Mesing durch die Inklusion, also die Beschulung Lernbehinderter im Regelunterricht. "Im Grunde gut", urteilt Mesing - stellt jedoch fest: "Von den Ressourcen sind die Schulen noch nicht so weit. Eine ausreichende individuelle Förderung eines jeden Kindes ist so nicht möglich."

Bildungsministerin Waltraud Wende hält nichts von einem flexibleren Einschulungsdatum. Eine bloße Rückstellung ohne gezielte Förderung bringe nichts, erklärte ihr Sprecher Thomas Schunck. Förderung finde in der Schule statt.

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