neumünster : Jeder zehnte Senior ist in Geldnot

Der Seniorenbeiratsvorsitzende Heinz Fieroh tritt nicht zur Wiederwahl an.
Der Seniorenbeiratsvorsitzende Heinz Fieroh tritt nicht zur Wiederwahl an.

Der scheidende Beiratsvorsitzende Heinz Fieroh spricht über Altersarmut und das Handlungskonzept der Stadt Neumünster.

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23. Februar 2018, 08:18 Uhr

Seit fünf Jahren ist Heinz Fieroh (75) Vorsitzender des Seniorenbeirats. Bei der nächsten Beiratswahl nach der Kommunalwahl tritt der Gadelander aus privaten Gründen nicht wieder an. Über das größte Thema, das ihn in seiner Amtszeit beschäftigt hat, die Altersarmut und das Handlungskonzept der Stadt, spricht er im Freitags-Interview mit Courier-Redakteurin Gunda Meyer.

Wie schlimm ist die Altersarmut in der Stadt?

Etwa zehn Prozent der älteren Menschen in Neumünster sind davon betroffen. 4,7 Prozent der Menschen über 65 Jahre lebten 2016 von der Grundsicherung im Alter. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher sein. Denn zum einen gibt es viel Unwissenheit, welche Hilfen man sich holen kann. Zum anderen, und das ist gerade bei Senioren besonders ausgeprägt, ist das Schamgefühl sehr groß. Sie holen sich erst Hilfe, wenn es gar nicht mehr geht.

Wer ist davon besonders betroffen?

Viele Frauen rutschen in die Armut. Früher waren die Männer berufstätig, die Frauen blieben zu Hause und kümmerten sich um die Kinder. Das Geld fehlt den Frauen jetzt in der Rente. Auch Senioren, die ihren Partner verlieren und die laufenden Kosten alleine stemmen müssen, geraten häufig in die Altersarmut. Mit immer mehr Rentenabzügen werden immer mehr Menschen in die Armut gedrängt, das Problem wächst also. Da sehe ich die Politik in der Pflicht.

Wie kann man dem Schamgefühl von Betroffenen entgegentreten?

Da sind alle gefragt: Angehörige, Nachbarn und auch die Stadt, indem sie auf die Betroffenen zugeht. In der Stadt, in der das Zusammenleben anonymer ist, gestaltet sich die Nachbarschaftshilfe natürlich schwieriger als auf dem Lande. Aber es ist schon gut, wenn zumindest die Angehörigen einen Wink an die Behörden geben, wenn Hilfe benötigt wird.

Die Stadt setzt mit ihrem Handlungskonzept Armut an dem Punkt an. Was sind besondere Errungenschaften, die erarbeitet werden sollen?

Wir haben viel Herzblut in das Konzept gesteckt, in dessen Erarbeitung der Seniorenbeirat intensiv einbezogen wurde. Die aufsuchende Beratung ist dabei ein wichtiger Pfeiler, also dass die Betroffenen eine Beratung in den eigenen vier Wänden bekommen. Eine weitere Idee ist, in jedem Stadtteil eine Anlaufstelle zu etablieren, in der die Betroffenen ebenfalls Hilfe finden.

Mit der Armut einher geht auch, dass die älteren Menschen nicht genügend Rücklagen haben, um ihren Heimplatz oder betreutes Wohnen zu bezahlen. Wie kann man da ansetzen?

Das Problem wächst – auch in der Stadt. Das Handlungskonzept will an dieser Stelle eine Wohnberatungsstelle konzipieren, in der sich die Menschen darüber informieren können, wie man den eigenen Wohnraum barrierefrei gestalten kann.

Die Kulturtafel ermöglicht Menschen mit geringem Einkommen kulturelle Teilhabe durch kostenfreie Eintrittskarten. Wird das von älteren Menschen angenommen?

Absolut. Ich erinnere mich noch an ein Paar, das auf diesem Wege das erste Mal in seinem Leben ins Theater konnte. So etwas freut mich, das ist ein wichtiger Teil sozialer Teilhabe.

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