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Alphabetisierungs-Projekt : Jeder Siebte kann nicht richtig lesen

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Die Stadtbücherei unterstützt die landesweite Kampagne zur Leseförderung für Analphabeten. Verständliche Bücher gibt es auch für die Flüchtlinge am Haart.

shz.de von
erstellt am 03.Mär.2015 | 06:30 Uhr

Neumünster | Es ist immer noch ein Tabu-Thema. Lesen und Schreiben lernt in Deutschland jeder in der Grundschule, aber nicht alle haben ihre Freude an Buchstaben und Wörtern. Nicht wenige verlernen vieles wieder. Für diese Erwachsenen sind Formulare, Anträge, Plakate, Zeitschriften und manchmal sogar Verpackungstexte im Supermarkt ein Buch mit sieben Siegeln. „Die Nachfrage nach Alphabetisierungskursen bei uns steigt. Laut einer Studie können 14 Prozent der Deutschen nicht richtig lesen und schreiben. Das kann man auch auf Neumünster übertragen“, sagte Dr. Björn Otte, Leiter der Volkshochschule, gestern bei der Vorstellung von „Lesen macht Leben leichter“ in der Stadtbücherei. Dort trafen jetzt 50 Bücher in leichter und verständlicher Sprache ein.

Ziel der landesweiten Kampagne von Volkshochschulen und Büchereien unter der Schirmherrschaft von Ministerpräsident Torsten Albig ist es, die Lesefähigkeit von Erwachsenen zu fördern und gleichzeitig das Bewusstsein und Verständnis für die Situation dieser so genannten „funktionalen Analphabeten“ zu wecken. Gefördert wird das auf mindestens zwei Jahre angelegte Projekt mit 20  000 Euro von der Stiftung der Sparkasse Südholstein.

„Bisher hatten wir kein Angebot für diesen Personenkreis. Wir konnten höchstens Kinderbücher anbieten“, sagte Dr. Klaus Fahrner, Leiter der Stadtbücherei. Nun gibt es leichte Kost im breiten Querschnitt, angefangen vom Kochbuch mit vielen Bildern über Biografien von Barack Obama oder Nelson Mandela bis hin zum „Wunder von Bern“, Anne Frank oder einem Buch über Topmodels. „Die Werke sind deutlich dünner als die Originale, mit großer Schrift und einfachen, verständlichen Sätzen“, erklärte Fahrner.

Von dem neuen Bestand sollen auch die Flüchtlinge in der Erstaufnahme-Einrichtung am Haart profitieren. Eine Kiste haben die Mitarbeiter der Stadtbücherei den dortigen Betreuern vom Deutschen Roten Kreuz übergeben. „So haben die Flüchtlinge die Möglichkeit, problemlos an ein Buch in deutscher Sprache zu kommen“, sagte Klaus Fahrner.

An der Kampagne „Lesen macht Leben leichter“ nehmen landesweit 35 Büchereien teil. „Wir haben für die kommenden Jahre den Schwerpunkt bei der Alphabetisierung gesetzt und werden noch mehr Aktionen zu diesem Thema unterstützen“, kündigte Dr. Stephan Kronenberg an, der Geschäftsführer der Sparkassen-Stiftung. Wer am Alphabetisierungs-Kursus der Volkshochschule teilnehmen möchte, kann unverbindlich dienstags und donnerstags um 17.15 Uhr in der Gartenstraße 32 vorbeischauen.

Kommentar von Thorsten Geil:

So ganz glauben kann man es ja nicht: Wenn einem auf dem Großflecken 100 Leute begegnen, sollen 14 davon nicht oder nicht richtig lesen können. Wenn das aber tatsächlich stimmt, ist das ein unhaltbarer Zustand. Diesen Menschen das Lesen und Schreiben beizubringen, ist ein Ziel von großer Wichtigkeit. Völlig offen bleibt aber die Frage, woher die Betroffenen von dem neuen Angebot erfahren sollen. Die Zeitung werden sie nicht lesen, und Stammkunde in der Stadtbücherei werden sie wohl auch nicht sein. Das ist ja gerade das Problem – diese Leute zu erreichen. Wer also einen Nachbarn ohne richtige Lesekenntnisse hat, sollte ihn ansprechen und ihm von diesen Kursen erzählen. Andererseits taucht ganz allgemein die Frage auf, ob Weiterbildung nur eine Bringschuld der Gesellschaft ist. Die Betroffenen müssen sich mit ein bisschen Ehrgeiz auch selber aus dem  Tal befreien wollen.

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