Rickling : Jahreswechsel mit der Alkohol-Sucht

Ein Glas Sekt gehört für viele traditionell zu Silvester. Für Suchtkranke kann das zum Problem werden. Foto: dpa
Ein Glas Sekt gehört für viele traditionell zu Silvester. Für Suchtkranke kann das zum Problem werden. Foto: dpa

Ein Glas Sekt um Mitternacht gehört für viele zu Silvester wie die Tanne zu Weihnachten. Für Suchtkranke ist das nicht immer einfach.

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02. Januar 2013, 09:59 Uhr

Rickling/Neumünster | Ein guter Rotwein zum Gänsebraten, ein Cognac zum Kaffee, hochprozentige Cocktails auf der Silvesterparty - Alkohol ist an den Feiertagen für viele normal und "guter Brauch". Für Suchtkranke ist das nicht immer einfach.
Dennoch: "Bei uns stellen die Feiertage nicht das Rückfallpotenzial, das man vielleicht erwarten würde. In diesen Tagen ist es hier eher so leer wie sonst zu keiner Zeit im Jahr", berichtete der Leitendende Therapeut der Entgiftungsfachklinik Freudenholm-Ruhleben, Dr. Clemens Veltrup. Die Einrichtung, die sowohl ein Standbein in Ruhleben am großen Plöner See und in Freudenholm bei Preetz hat, gehört zum Psychiatrischen Zentrum in Rickling. "Unsere Patienten sind natürlich auf den Aufenthalt zu Hause intensiv vorbereitet worden, und mit den Klinikpatienten feiern wir einen rauschenden, aber alkoholfreien Jahreswechsel", erklärte er weiter. Auch das Friedrich-Ebert-Krankenhaus in Neumünster setzt an Silvester auf sein bewährtes Team. "Es sind keine besonderen Vorkehrungen zum Jahreswechsel getroffen worden, denn wir sind eine eingespielte Mannschaft", erklärte auf Anfrage Pressesprecherin Maren von Dollen.

"Eins der größten gesellschaftlichen Probleme"

"Alkoholmissbrauch war, ist und bleibt eines der größten gesellschaftlichen Probleme unserer Zeit", so das Fazit von Prof. Dr. Karl F. Mann vom Mannheimer Zentralinstitut für seelische Gesundheit, der anlässlich des vor Kurzem begangenen 125-jährigen Jubiläums der ehemaligen Trinkerheilanstalt Salem in Rickling über die neuesten Erkenntnisse zur Alkoholsucht referierte. 200 Ärzte, Mitarbeiter, ehemalige und aktuelle Patienten sowie zahlreiche Gäste waren zusammengekommen, um einen Rückblick in die Entstehung der Suchthilfe im Landesverein zu halten.
Gegründet 1887 war der Vorläufer der heutigen Fachklinik Freudenholm-Ruhleben, die "Trinkerheilanstalt Salem", die dritte Einrichtung ihrer Art in Deutschland. "Trunksucht galt als Laster charakterschwacher Menschen und wurde als zu behandelnde Krankheit erst 1968 durch ein Urteil des Bundessozialgerichtes durchgesetzt", berichtete der Direktor des Landesvereins, Pastor Rüdiger Gilde. Während der NS-Zeit musste Salem geschlossen werden, da die zunehmende Kriminalisierung und Verfolgung von Alkoholkranken zu rückläufigen Patientenzahlen führte.

Angebot für Kinder aus suchtbelasteten Familien

Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm die Suchthilfe im Rahmen der inzwischen entstandenen Psychiatrischen Anstalten ihre Arbeit wieder auf, und seit 1965 wird die Suchtkrankenhilfe als eigenständiger Teilbereich des Psychiatrischen Zentrums in der Tradition der früheren Trinkerheilanstalt Salem fortgeführt.
Entstanden ist daraus seit Mitte der 80er-Jahre die Fachklinik Freudenholm-Ruhleben, in der heute insgesamt 164 Plätze für Entgiftung sowie klinische Behandlung und Rehabilitation zur Verfügung stehen. Seit 1987, also seit nunmehr 25 Jahren, ist der Landesverein außerdem mit der Suchtberatung in der ambulanten und teilstationären Arbeit (ATS) im Kreis Segeberg betraut. Seit 2002 gehören die "Kleinen Riesen", das Angebot für Kinder aus suchtbelasteten Familien, zu den Aufgaben des ATS, und vielerorts übernimmt die Institution auch die Schulsozialarbeit.
Was also vor 125 Jahren begann, erfährt heute im Landesverein seine differenzierte Fortführung, nach wie vor mit dem Ziel, Menschen in ihren Nöten und Belastungen zur Seite zu stehen.

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