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Trockener Alkoholiker : Interview: „Mein Standard waren zehn halbe Liter Bier und ein paar Schnäpse“

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Werner M. war den Großteil seines Lebens alkoholabhängig. Seit 2006 ist der heute 61-Jährige trocken – und kämpft täglich gegen den Rückfall.

Neumünster | Der Neumünsteraner Werner M. ist seit acht Jahren trockener Alkoholiker. Den Ausstieg aus der Trinkerei schaffte der heute 61-Jährige mit der Hilfe der Suchtberatungsstelle Neumünster. Im Gespräch mit Courier-Volontär Sven Raschke erzählt er von seinem Leben mit und ohne die Droge und beschreibt seine konstanten Anstrengungen, trocken zu bleiben.

Die Grenze zwischen normalem Alkoholkonsum und Sucht lässt sich schwer festmachen. Wo würden Sie sie in Ihrem Leben setzen?
Kennen gelernt habe ich den Alkohol in der Pubertät mit 13, 14 Jahren. Kurz vorher war ich aus dem Rheinland zu meiner Mutter nach Schleswig-Holstein gezogen. Damals war das Trinken ein bisschen Nachahmung, weil ich es vom Elternhaus so kannte. Ich habe mehr getrunken, als mir gut tat. Dass es irgendwann zur Sucht wurde, habe ich mir aber erst sehr spät eingestanden.

Wann war das?
Eigentlich erst, als ich 2006 zum ersten Mal zur Therapie ging. Da war ich 51 Jahre alt und hatte schon bald 40 Jahre lang gesoffen. Ich habe sehr viel Zeit mit Bekannten auf der Klosterinsel verbracht, alles Gleichgesinnte. Andere soziale Kontakte hatte ich da schon lange nicht mehr. Ich hatte auch nie geheiratet. Im Nachhinein betrachtet: Anfang, Mitte Dreißig hätte ich wohl noch einlenken können, danach wurde es dann wirklich problematisch.

Nach Neumünster sind Sie Ende der 80er Jahre gezogen. Was haben Sie davor gemacht?
Wehrdienst und eine Ausbildung zum Kaufmann. Ich hatte viele verschiedene Stellen im kaufmännischen und gewerblichen Bereich, aber nie länger, und ich war immer wieder arbeitslos.

Glauben Sie, dass Sie ohne den Alkohol längere Arbeitsstellen gehabt hätten?
Klar. Längere und bessere. Aber Alkohol war nie ein Kündigungsgrund. Da war meine Spielsucht problematischer. Schon als Kind habe ich gern mit Automaten gespielt. Ich fand diese bunten, blinkenden Dinger fantastisch. Ich habe 1990 eine Therapie dagegen gemacht, und Ende 1990 hatte ich die Spielsucht abgehakt. Die ist mir mittlerweile gleichgültig. Mit den Automaten kann ich umgehen. Da muss ich nur woanders hingehen. Das größere Problem war immer der Alkohol. Der begegnet einem schließlich täglich überall.

Wie wirkte sich die Alkoholsucht auf Ihr Leben aus?
Ich brauchte den Stoff einfach, um zu funktionieren. Mein Pegel lag ziemlich konstant bei 1,6 Promille. Fiel er auf 1,3, wurde mir unwohl, ich fing an zu schwitzen und zu zittern. Dann musste ich nachkippen. Mein Standard waren zehn halbe Liter Bier und ein paar Schnäpse am Tag. Gegen Ende wurden es mehr Schnäpse. Ich wurde aber gar nicht mehr betrunken. Es war ein Dauerbenebelungszustand, den ich aber nicht als solchen empfunden habe. Ich wollte gar nicht aufhören.

Und wie haben Sie dann doch die Kurve bekommen?

Ich war körperlich einfach fertig. Ich hatte starke Bauchschmerzen wegen der Bauchspeicheldrüse. Das machte das Aufhören dann auch leichter für mich, weil die Schmerzen mit den Rückfällen wiederkamen. Da habe ich mit meinem Leben gespielt. Heute weiß ich das.

Wie ist Ihnen der Ausstieg gelungen?
2006 bin ich zum ersten Mal zur Suchtberatung hier in Neumünster gegangen. Ich habe vier Entgiftungen im psychiatrischen Krankenhaus in Rickling gemacht. Nach einigen Rückfällen hat es auch geklappt. Seit 2008 bin ich trocken.

Ihr Ausstieg verlief also nicht glatt?
Nein. Zwischenzeitlich dachte ich zwar, ich hätte es geschafft. Um Geld zu verdienen, hatte ich angefangen, Bier an Leute zu verkaufen, die in den Geschäften Hausverbot hatten. Das ging aber nach hinten los. Da habe ich kapiert: Die Sucht wird man nie wieder los. Es braucht nur eine winzige Erinnerung an früher. Theoretisch könnte ich in fünf Minuten wieder rückfällig werden. Ich muss ständig mit meinem Verstand und meiner Erfahrung gegen die Sucht angehen. Das Schwerste ist, dass man den Alltag, die ständigen Widrigkeiten und Verpflichtungen nüchtern bewältigen muss.

Und wie haben Sie es jetzt acht Jahre lange geschafft?

Ich bin seit neun Jahren Frührentner, aber als abstinent Lebender brauche ich eine gewisse Tagesstruktur. Ich treffe mich weiterhin jede Woche mit der Selbsthilfegruppe und der Indikativen Gruppe der Suchtberatung – das muss auch so sein. Dazu kommen regelmäßige Arztbesuche.

Haben Sie noch Kontakt zu Ihren alten Bekanntschaften?
Nein. Ich sehe sie zwar gelegentlich, und wir grüßen uns. Aber mehr Umgang will ich auf keinen Fall. Mir wäre die Gefahr zu groß. Im Nachhinein weiß ich es jetzt: Ich wäre wahrscheinlich am Alkohol gestorben.

Und heute kommen Sie gut zurecht? Was machen Sie den ganzen Tag?
Ich habe mir ein Hobby zugelegt: Ich spiele Computerspiele. Nichts mit Gewalt, lieber Simulationen. Das birgt zwar auch eine gewisse Suchtgefahr. Solange ich aber meine übrigen Termine im Griff habe, sehe ich keine Gefahr. Ich kenne ja jetzt die Anzeichen für eine Sucht.

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erstellt am 24.Feb.2017 | 13:00 Uhr

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