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Terroranschlag : „In Paris regieren Angst und Trauer“

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Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Die Französin und Wittorferin Pascale von Stülpnagel erfuhr beim Fußball-Abend von den Terrorangriffen. Ihre Schwester in Paris befürchtet weitere Anschläge

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erstellt am 16.Nov.2015 | 08:45 Uhr

Neumünster | Es sollte ein spannender Fußball-Abend vor dem Fernseher werden, aber mit der ersten Eilmeldung, die am unteren Bildschirmrand plötzlich über den Rasen tickert, kam das nackte Entsetzen: „Mindestens 18 Tote bei einer Schießerei in Paris. . .“

„Wir haben sofort auf andere Sender umgeschaltet, um Näheres zu erfahren, aber es dauerte quälend lange, bis es endlich mehr Informationen gab“, erinnert sich Pascale von Stülpnagel (54) an den Abend, den sie nie vergessen wird. Die Wittorferin, die sich mit ihrem ebenfalls fußballbegeisterten Mann das Länderspiel Deutschland – Frankreich im Fernsehen anschauen wollte, ist gebürtige Französin. Ihre Familie stammt aus Lille, ihre Schwester und deren Kinder leben in Paris. Ihr Patenkind studiert an der Sorbonne – und hatte auch an diesem blutigen Abend noch Vorlesungen.

Es dauert lange bis Pascale von Stülpnagel nach dem ersten Schock endlich ihre Schwester in Paris erreicht. Vielleicht auch zum Glück, denn in der französischen Hauptstadt sind die Meldungen über die Anschläge zu diesem Zeitpunkt noch merkwürdig widersprüchlich. Der Sohn ihrer Schwester, der auf der Rücktour von einer Vorlesung mit der Metro auch das Arrondissement durchfährt, in dem die Terroristen einen Konzertsaal stürmten, ist längst zuhause, als das ganze Ausmaß der Terroranschläge bekannt wird – und die Wittorferin endlich mit ihrer Schwester sprechen kann.

Möglicherweise habe die unterschiedliche Nachrichtenlage auch mit dem zu diesem Zeitpunkt noch laufenden Fußballspiel zu tun, mutmaßte Pascale von Stülpnagel gestern im Gespräch mit dem Courier. „Offensichtlich wollte man eine Panik im Stadion vermeiden.“

Um so größer sei das Entsetzen gewesen, als immer neue Details zu den Anschlägen bekannt wurden und gleichzeitig die Zahl der Opfer fast minütlich stieg, beschreibt sie die Stimmungslage in Paris in der Terrornacht. „Natürlich wussten wir alle spätestens nach Charlie Hebdo, dass wir jederzeit mit einem neuen Schlag rechnen müssen“, meint die Wittorferin mit französischer Familie. „Aber wir haben das auch aus Selbstschutz ein wenig verdrängt. Nie im Leben hätte ich gedacht, dass es solche Ausmaße annehmen kann“, sagt sie: „Auch nicht nachdem wir von den Bombendrohungen gegen die deutsche Mannschaft am Nachmittag gehört hatten.“

Nach dem blanken Entsetzen regiere in Paris jetzt Trauer und Angst, beschreibt Pascale von Stülpnagel die Stimmungslage in Frankreichs Metropole. Auch ihre Schwester mache sich konkrete Sorgen. Am Sonnabend blieben in Paris die Schulen geschlossen, am Montag soll der Unterricht weitergehen. „Meine Schwester überlegt noch, ob sie ihre Zwillinge in die Schule schicken soll. Viele Franzosen fragen sich, ob wirklich alles vorbei ist, ob man jetzt noch in ein Konzert gehen kann oder ob die Fußball-EM noch stattfinden soll.“

Ob und in welche Richtung Frankreich sich nach diesem neuen Trauma verändern wird, lasse sich derzeit allerdings nur schwer einschätzen, sagt Pascale von Stülpnagel.

Viele Franzosen hätten aber aufmerksam registriert, dass ihre Nachbarn in Europa sie mit „dieser Art des neuen Terrorismus“ nicht allein lassen wollten. „Das ist ein europäisches Problem und lässt Europa hoffentlich wieder stärker zusammenrücken“, hofft die Wittorfer Französin.

Im Persönlichen hat sie das noch am Freitagabend erfahren: Viele Freunde und Bekannte der Familie haben Pascale von Stülpnagel noch am Abend angerufen und sich nach ihrer Pariser Schwester und deren Familie erkundigt, sagt die Wittorferin: „Das tat unheimlich gut.“

 

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