Ende eine Ära : In der Hochzeitsnacht blieb die Sirene aus

In drei Wochen ist Schluss im Amt: Stadtbrandmeister Dr. Klaus-Peter Jürgens sitzt am Steuer eines Löschfahrzeuges. Der Feuerwehr bleibt er auch danach treu.
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In drei Wochen ist Schluss im Amt: Stadtbrandmeister Dr. Klaus-Peter Jürgens sitzt am Steuer eines Löschfahrzeuges. Der Feuerwehr bleibt er auch danach treu.

Stadtbrandmeister Dr. Klaus-Peter Jürgens hört Ende des Monats auf: ein kleines Portrait eines Feuerwehr-Urgesteins zum Abschied

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12. März 2017, 00:00 Uhr

Neumünster | Die wichtigsten Dinge aus 46 Jahren Dienstzeit sind in einem Extra-Ordner. Sein erster Einkleidungszettel zum Beispiel vom 20. Juli 1971. Ein grauer Anorak ist darauf vermerkt, ein paar Schnallstiefel, ein graues Hemd und ein getragener Brandrock. „Die Sachen kamen von der Berufsfeuerwehr und waren zum Teil noch aus dem Krieg. Ein weißes Hemd und einen Schlips musste ich selber kaufen“, sagt Dr. Klaus-Peter Jürgens und holt gleich wieder zu den nächsten „Döntjes“ aus. Ganze Bücher über die Feuerwehrgeschichte in Neumünster könnte der Stadtbrandmeister füllen. Wenn er am 31. März sein Amt an Jens Stölten, Heiko Kaack und Martin Pagels abgibt (der Courier berichtete), geht ein Stück Stadtgeschichte zu Ende.

Der dienstälteste Stadtbrandmeister des Nordens stand fast 24 Jahre an der Spitze des Stadtfeuerwehrverbandes. „Mehr kann ein Tungendorfer nicht erreichen“, sagte der Dachdeckermeister, Gutachter, Bauphysiker und -biologe sowie Doktor der Naturwissenschaften einmal im Spaß. Dass der heute 64-Jährige zur Feuerwehr ging, war quasi mit seiner Geburt festgelegt. Nicht nur sein 2007 verstorbener Vater Klaus-Uwe Jürgens setzte sich im Brandschutz ein. Schon der Urgroßvater war Steigerführer in Tungendorf-Siedlung, der Großvater dann Mitglied des dortigen Löschzugs. „Die ganze Familie ist infiziert“, erklärt Klaus-Peter Jürgens.

Zur Wehr Stadtmitte, seiner Heimatwehr, kam er im besagten Sommer 1971. Als einer der ersten Wehr-Ersatzdienstleistenden in Neumünster verpflichtete er sich gleich für zehn Jahre. Es ist der Beginn einer Karriere, in der er mit Willi Fehrs, Jürgen Scheufler, Günter Pahl, Hermann Wulf, Detlef Tanneberger und aktuell Sven Kasulke nicht nur gleich sechs Leiter der Berufsfeuerwehr, sondern mit Dr. Uwe Harder, Franz-Josef Pröpper, Hartmut Unterlehberg und Dr. Olaf Tauras auch vier Oberbürgermeister erlebt. Der Start für den jungen Klaus-Peter ist noch etwas holprig. Nicht nach einem Jahr, sondern erst nach zwei Jahren ernennt Wehrführer Richard Wriedt ihn zum Feuerwehrmann, und das auch nur auf Nachfrage. „Das hatte er schlicht vergessen. Also musste ein Kamerad kurzerhand seine Abzeichen von der Schulter abnehmen, ich wurde befördert, dann bekam er die Abzeichen zurück. So lief das damals“, erzählt Jürgens. Danach geht es aber ohne Probleme weiter. 1985 wird er Gruppenführer, 1990 stellvertretender Wehrführer, zwölf Monate später übernimmt er die Wehr Stadtmitte. 1992 wird er zum stellvertretenden Stadtwehrführer ernannt, ein weiteres Jahr später erhält er die Leitung von seinem erkrankten Vorgänger Hans-Dieter Stölten – dem Vater von Jens Stölten, der ihm jetzt im Amt folgt. Ein Moment, der ihm immer in Erinnerung bleiben wird: 2007 erhält Jürgens von Bundespräsident Horst Köhler persönlich und stellvertretend für eine Million Feuerwehrleute in Deutschland im Beisein seiner Familie im Schloss Bellevue den Verdienstorden der Bundesrepublik.

Sein liberaler Führungsstil und sein lockerer Umgangston finden nicht nur Freunde. Jürgens geht auf Menschen zu, plaudert gern und versteht es, schnöde Jahreshauptversammlungen mit kleinen Geschichten aufzuheitern. „Ich bin auf der Bühne groß geworden. Öffentlichkeit fällt mir leicht“, sagt er. Schon als Jugendlicher gibt er mit seiner Band „Hate“ Konzerte, singt und spielt Schlagzeug. Doch so kameradschaftlich er nach außen ist, so konsequent verfolgt er auch seine Ziele. Er bringt den Stadtfeuerwehrverband in Schuss, setzt sich schon in den 90er-Jahren für den Bau eines Gefahrenabwehrzentrums ein, forciert die Gründung von Jugendwehren und unterstützt die Öffnung der ehemals neun, später sieben freiwilligen Wehren in der Stadt für Frauen. Zuletzt erarbeitet er in enger Kollegialität mit Sven Kasulke den Brandschutzbedarfsplan und das Konzept „Feuerwehr 2025“, treibt die noch laufende Fusionen von Wehren weiter voran. „Eigentlich wollte ich schon vor zwei Jahren aufhören. Doch dann war das Jubiläum 100 Jahre Berufsfeuerwehr und 150 Jahre Stadtfeuerwehrverband. Und eine eigene Verbandsfahne stand auch noch auf meiner Liste. Die ist nun da“, sagt er. Sein wichtigstes Ziel aber war stets, die Feuerwehren in Neumünster nach außen wie nach innen als eine Einheit darzustellen. „Das war vor 40 Jahren noch ganz anders. Da gab es die große Berufsfeuerwehr und die kleinen Löschknechte von den Freiwilligen. Das hat sich zum Glück geändert.“

Unterstützung in all den Jahren bekommt der Vater zweier Söhne von seiner Familie. Seine Frau „Biene“ steht von Anfang an hinter seinem Hobby, das im Laufe der Jahre zum zweiten Beruf wird. Dafür erhält sie als zweite Frau in Schleswig-Holstein 2010 das Feuerwehr-Ehrenkreuz in Silber. Und selbstverständlich gibt es auch zu seiner Ehe eine Geschichte: „Am 28. April 1972 brannte die Dachpappen-Fabrik Hornung in Einfeld. Das war unsere Hochzeitsnacht. Als die Kameraden bei mir und meiner Frau vorbeifuhren, schalteten sie aber die Sirenen an den Fahrzeugen aus. Sie wollten uns nicht stören.“

Am kommenden Freitag wird Klaus-Peter Jürgens zum letzten Mal die Jahreshauptversammlung des Stadtfeuerwehrverbandes leiten. Der Abschiedsempfang ist für den 31. März ebenfalls im Holstenhallen-Restaurant geplant. Den blauen Rock und die Stiefel der Feuerwehr wird er aber weiter anziehen.

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