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Großbritannien Vor der Abstimmung : „In der EU sind wir gut aufgehoben“

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Briten in Neumünster stehen dem „Brexit“ eher ablehnend gegenüber – halten aber ein Ja zum EU-Austritt des Empire für durchaus möglich

von
erstellt am 16.Jun.2016 | 09:00 Uhr

Neumünster | Bleiben sie, oder gehen sie? – In der kommenden Woche stimmen die Briten über den Verbleib ihrer Insel in der Europäischen Union ab – und versetzen damit halb Europa in Aufregung. Politik und Ökonomen unterschiedlicher Couleur befürchten schwere Flurschäden für die europäische Idee und wirtschaftliche Rückschläge für Europa und Großbritannien, wenn es zum „Brexit“ kommt. Wie denken Briten in Neumünster über den Wunsch ihrer Landsleute, wieder mehr Unabhängigkeit für ihre Insel zu gewinnen? Der Courier hörte sich um. Auffälligstes Ergebnis: Die meisten halten den Austritt für keine gute Idee – aber für durchaus möglich.

„Wir sollten drin bleiben!“, empfiehlt etwa Ian Warnes seinen Landsleuten klipp und klar für die Abstimmung am 23. Juni. Der 56-jährige Techniker, Sohn einer deutschen Mutter und eines englischen Vaters, lebt seit 1977 in Neumünster, hat aber seine britische Staatsbürgerschaft behalten und reist regelmäßig zum Verwandtschaftsbesuch auf die Insel. Das Stöhnen seiner Landsleute über die mitunter so realitätsfern und arrogant empfundene Brüsseler Bürokratie kann er gut nachvollziehen, „aber das ist bei uns in Deutschland ja nicht anders“, meint Warnes. Unter dem Strich sei Großbritannien schon aus wirtschaftlichen Gründen „in der EU besser aufgehoben“, ist er überzeugt. Seiner Einschätzung nach sieht das auch die Mehrheit auf der Insel so. „Ich schätze, 60 Prozent stimmen für den Verbleib“, meint Warnes, der wie die meisten seiner Landsleute in Neumünster selbst nicht mit abstimmen wird: „Wir haben keine Wahlbenachrichtigung bekommen.“

Warnes Landsmann Steven Duncan (49) ist da nicht ganz so optimistisch: „Es steht Spitz auf Knopf, was die Stimmung in England betrifft“, sagt Duncan, der seit zwölf Jahren in Deutschland lebt. Der gelernte Kaufmann hält den Austritt seines Heimatlandes aus der EU für durchaus möglich . „Und es wäre eine Katastrophe, zumindest ein schwerer Schlag gerade für die britische Wirtschaft!“ Duncan verweist auf Szenarien „ernst zu nehmender Ökonomen“, wonach der Austritt jeden Briten (zunächst) umgerechnet zwischen 3000 und 5000 Pfund kosten könnte. „Wenn es um die vermeintliche Unabhängigkeit des Königsreichs geht, entscheiden Briten nicht immer rational“, bedauert der Wahlneumünsteraner mit Heimat in Sussex.

Auch die Familie Burns in Gadeland verfolgt die Brexit-Debatte eher mit Kopfschütteln. Aubrey Burns (58) wurde als 21-Jähriger 1979 aus Nordirland zu einem Onkel in Neumünster geschickt, auch weil seine Mutter in seiner damals vom blutigen Bürgerkrieg zerrissenen Heimat „zumindest einen Sohn in Sicherheit wissen wollte“, wie er heute sagt. „Ich hab’ miterlebt, wie die Menschen zum Beten in zwei verschiedene Kirchen gehen, die sich fast gegenüberliegen, nur um sich nach dem Kirchgang auf der Straße die Köpfe einzuschlagen“. Auch aus dieser Lebenserfahrung heraus ist Burns strikt gegen den Brexit: „Wenn wir ein friedliches Europa wollen, darf sich keiner abkapseln und neue Mauern hochziehen.“

Dabei kann der Gadelander mit britischen Wurzeln durchaus nachempfinden, warum seine Landsleute auf der Insel über den Austritt nachdenken. Die EU habe heute zahlreiche Probleme, die man sich natürlich nicht so gerne auf die Insel holen wolle, sagt Burns und verweist nur auf die Flüchtlingsströme. Dabei werde dann leicht übersehen, dass das Vereinigte Königreich auch gut von der EU profitiere.

Auch Burns hält es deshalb durchaus für möglich, dass die Brexit-Befürworter am nächsten Donnerstag triumphieren könnten, zumal die Werbung für den Austritt auf Hochtouren laufe. Dass die Queen ein halbes Jahr Geburtstag feiert, sei da durchaus kein Zufall, meint Burns. „Das passiert auch, um aller Welt klar zu machen: Wir sind etwas Besonderes, wir brauchen die EU nicht!“

Und als echter Nordire setzt Aubrey Burns, wenn auch schmunzelnd, gleich noch eine Spitze gegen die Engländer: „Ginge es nach den Nordiren, würde es diese Abstimmung nicht geben.“ Die Engländer sollten sich in dieser Frage lieber an den Iren orientieren – die seien begeisterte Europäer.

 

STANDPUNKT

von Jens Bluhm

Letzte Woche war es  Boris Johnson, immerhin populärer Ex-Bürgermeister Londons, der  den Europäern die Sprache verschlug: Die EU verfolge ein ähnliches Projekt wie Adolf Hitler, nur mit anderen  Mitteln, diktierte  Johnson den Medien in die hingehaltenen Mikrofone. Jetzt legte die  „Sun“, immerhin auflagenstärkste Zeitung Großbritanniens, noch etwas populistischer  nach: Brüssel wolle den Briten den Tee verbieten.

 Wer verfolgt, mit welchen Argumenten auf der Insel die Diskussion um den Austritt Großbritanniens aus der EU geführt wird, dürfte sich an Asterix und Obelix erinnert fühlen: Die spinnen, die Briten! – Allerdings,  so lustig ist das Ganze nicht:  Die Gefahr, dass einer der stärksten Partner  und Gründungsmitglieder der EU  Europa wieder den Rücken kehren könnte – mit unabsehbaren Folgen nicht nur für das Wohlergehen  der Briten sondern halb  Europas, wie Ökonomen warnen, ist verdammt real.

Bleibt zu hoffen, dass sich die  stolzen Insulaner doch noch auf ihren großen Staatsmann  Winston Churchill besinnen. Der hatte schon 1946 (!) gefordert, die Vereinigten Staaten Europas zu schaffen. Langsam  wäre es an der Zeit.

 

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