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Holsteinischer Courier

16. Dezember 2017 | 10:21 Uhr

Bordesholm : In Bordesholm gab es zwölf Lager

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

15 Frauen und Männer leisten Pionierarbeit: Sie arbeiten das Kapitel Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene im Raum Bordesholm auf.

Mit einem unbearbeiteten Stück Bordesholmer Geschichte aus dem Zweiten Weltkrieg beschäftigt sich der Arbeitskreis zum „Gedenken an Zwangsarbeiter/innen und Kriegsgefangene im Bordesholmer Raum“. Seit Februar 2014 leisten 15 versierte Männer und Frauen auf diesem Gebiet „Pionierarbeit“, wie der Historiker Uwe Fentsahm aus Brügge feststellt : „Für die umfassende Art, wie wir an dieses Thema herangehen, gibt es in Schleswig-Holstein bisher noch kein Beispiel.“

Das Ziel der fundierten Forschungsarbeit formuliert der stellvertretende Amtsvorsteher Ronald Büssow so : „Wir wollen gegen das Vergessen arbeiten und einen Beitrag zur Demokratie leisten. Und zwar mit einer dynamischen Wirkung in die Zukunft.“ Daher gibt es bereits eine Absprache mit der Hans-Brüggemann-Gemeinschaftsschule in Bordesholm, die ab dem nächsten Schuljahr die Ergebnisse des Arbeitskreises in den Unterricht einfließen lassen wird.

Entstanden ist die Idee, weil Bürger die Frage nach dem Bau der Finnenhaussiedlung in Bordesholm aufgeworfen haben. Die Finnenhäuser sind bekannterweise von Zwangsarbeitern errichtet worden, aber die aus Frankreich und den osteuropäischen Ländern Verschleppten wurden zur Arbeit in allen Bereichen genötigt. „Das zieht sich durch die gesamte örtliche Wirtschaft, seien es Baubetriebe, Fleischereien, Bäcker oder die Landwirtschaft“, stellt Nils Lange klar. Da die werktätigen Männer im Krieg waren, mussten andere Menschen arbeiten. „Die Leute hier haben erheblich profitiert von den Menschen aus den Arbeitslagern. Gerade auch Ein-Mann-Betriebe wie Sattler oder Uhrmacher. Auf diese Tatsache wurde einige Jahre der Deckel draufgehalten“, erklärt Horst Rienau vom Arbeitskreis.

Bei ihrer Recherche stoßen die Mitarbeiter auch auf organisatorische Fragen: Wie waren die örtlichen Strukturen? Wer hat die Arbeiter eigentlich wem zugeteilt? Es stellte sich heraus, dass das Arbeitsamt in Neumünster als zentraler Verteiler diente. Ab 1942 gab es in der Lindenstraße in Wittorf ein Durchgangslager, von dort wurden die Menschen auch ins Amt Bordesholm geschickt. Betriebe haben Zwangsarbeiter beim Bürgermeister beantragt, Landwirte beim Ortsbauernvorsteher. Dann wurden die Anträge zum Arbeitsamt nach Neumünster weitergeleitet. Dem aktuellen Kenntnisstand zufolge gab es in Bordesholm zwölf Lagerstandorte sowie Privathaushalte. „Es muss sich zum Beispiel eine Wohnbaracke für Ausländer genau dort befunden haben, wo in Bordesholm am Bahnhof der neue Edeka-Markt errichtet worden ist“, berichtet Uwe Fentsahm.

Ein großes Lager gab es in Wattenbek: „Im heutigen Saalskamp befand sich das Lager der Kieler Werft ,Deutsche Werke’ mit elf Wohnbaracken, in denen 500 Personen untergebracht werden konnten“, schildert er weiter. Die Betriebe mussten die Zwangsarbeiter entlohnen. Der Historiker erklärt: „Da gab es feste Sätze. Die Menschen waren zumeist auch sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Dafür wurden ihnen Anteile vom Lohn abgenommen, aber Leistungen haben sie nur selten gesehen. Im Prinzip haben Zwangsarbeiter bei ihrem Aufenthalt im Deutschen Reich Rentenansprüche erworben. Die AOK verwaltet noch heute Millionen von Versichertenkarten aus der damaligen Zeit.“

Als Quellen dienen den Forschern unter anderem die wenigen Zeitzeugen, die noch leben und damals alt genug waren, um sich jetzt noch erinnern zu können. Hans Hinrich Kröger aus Mühbrook war ein kleiner Junge, als der Pole Eugeniusz Mroz während des Krieges auf dem elterlichen Hof gearbeitet hat. Kröger stellt dem Arbeitskreis Briefe zur Verfügung, die der nach Hause zurückgekehrte Mroz nach Mühbrook geschickt hat. „Ich will anfragen, wie es euch allen geht, ob alle gesund und am Leben sind“, heißt es unter anderem in dem Brief.

Außerdem darf der Arbeitskreis in Bauakten Einsicht nehmen, stöbert im Archiv des Rathauses und steht im Kontakt mit dem örtlichen Geschichtsverein. Ende des Jahres präsentiert der Arbeitskreis die Ergebnisse in einer Ausstellung im Bordesholmer Rathaus, außerdem ist eine Broschüre in Planung.

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