Schuldnerberatung : Immer mehr Stromschuldner

Banger Blick auf den Zähler: Immer mehr Verbraucher können ihre Stromrechnung nicht mehr bezahlen.
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Banger Blick auf den Zähler: Immer mehr Verbraucher können ihre Stromrechnung nicht mehr bezahlen.

272 Mal wurde 2014 säumigen Kunden der Stromanschluss gesperrt

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30. Januar 2015, 07:00 Uhr

Neumünster | Die Liberalisierung des Strommarktes hat vor allem eines gebracht: enorme Preissteigerungen. Sibylle Schwenk und ihre Kollegen in der Schuldnerberatung der Diakonie haben täglich mit den Folgen zu tun: Ein immer größerer Teil ihrer Klientel kann oder will die Stromrechnung nicht bezahlen. Die Folge sind teure Mahnverfahren und Stromsperren.

272 Mal schritten Techniker der Schleswig-Holstein Netz-AG im vergangenen Jahr zum äußersten Mittel und sperrten säumigen Zahlern im Auftrag der jeweiligen Stromversorger den Anschluss. Das kostet den Schuldner laut Auskunft der SH Netz 71 Euro; das Entsperren des Zählers noch einmal rund 91 Euro. Voran gegangen sind kostenpflichtige Mahnungen.

Bei den Stadtwerken bekämen etwa 7 bis 8 Prozent der Kunden pro Jahr eine Mahnung, 5 Prozent sogar eine zweite, berichtete Sibylle Schwenk am Mittwochabend im Sozial- und Gesundheitsausschuss. Mit der zweiten Mahnung komme die Sperrandrohung und dann der Nachkassierer ins Haus. Wer dann weder zahle noch sich auf eine Ratenzahlung einige, dem werde der Anschluss gesperrt. 150 Euro Stromschulden summierten sich so schnell auf eine Forderung von 400 Euro, sagte Schwenk.

Betroffen sind vor allem Hartz-IV-Haushalte, aber auch Geringverdiener. Sie wohnen in billigen, aber schlecht sanierten Wohnungen und benutzen alte Elektrogeräte. Genau deshalb seien dort der Stromverbrauch und die Energiekosten besonders hoch.

Wege aus der Stromschuldenfalle könnten laut Sibylle Schwenk Verhandlungen mit dem Grundversorger, also den SWN, über geringere Ratenzahlungen, aber auch Prepaid-Zähler auf Guthabenbasis sein. Diese lehnten die Stadtwerke aber wegen zu hoher Kosten ab. Auch die Einrichtung eines Notfall-Fonds brachte Schwenk ins Spiel – „möglichst auch aus Mitteln der SWN“. Um die Energiekosten zu senken, denkt die Schuldnerberatung an verschiedene Projekte, etwa einen Stromspar-Check oder finanzielle Unterstützung zum Austausch von Elektro-Altgeräten.

„Wir sollten mit den SWN reden und uns sozialpolitisch mit dem Thema auseinander setzen“, sagte Stadtrat Günter Humpe-Waßmuth. Diakonie-Chef Heinrich Deicke machte klar, dass der Ansatz der Schuldnerberatung eben nicht sei: „Wir nehmen dir deine Schulden weg – damit du dann neue Schulden machen kannst.“ Es gehe darum, dass Menschen ihre Einstellung zum Thema Finanzen änderten.

Die im Ausschuss geäußerte Kritik, dass die Stadtwerke bei säumigen Stromkunden besonders restriktiv reagierten, wies SWN-Sprecher Nikolaus Schmidt gestern auf Courier-Nachfrage zurück: „Wir haben ein sehr professionelles Forderungsmanagement, handeln nach Recht und Gesetz, prüfen dabei aber jeden Einzelfall.“ Es gebe keinen Automatismus, man spreche mit den Kunden und suche sehr persönlich und individuell nach Lösungen. Zum Thema Ratenzahlung sagte Schmidt: „Man darf uns nicht mit einer Bank verwechseln. Stromschulden sollten spätestens bis zur nächsten Jahresrechnung getilgt sein.“ Im Gegensatz zu Sibylle Schwenk sprach Schmidt sogar von „mehreren tausend Mahnungen pro Monat“, also etwa 3 bis 4 Prozent im Monat.

Kommentar von Jens Bluhm

Einfach kappen ist keine Lösung

Stimmt, es gibt  Hunderte von Möglichkeiten, Strom zu sparen: Wir können  unsere Glühbirnen gegen moderne LED-Leuchten austauschen, uns einen neuen  Kühlschrank der höchsten Effizienzklasse in die Küche stellen oder gleich unser ganzes Haus dämmen.  Der Haken ist: Um gute Effekte zu erreichen, müssen wir in der Regel erst einmal investieren.

Damit haben aber wieder einmal gerade die unteren Einkommensschichten das Nachsehen. Sie haben nicht oder nur begrenzt die Chance, den steigenden Energiekosten durch cleveres Haushaltsmanagement etwas entgegen zu setzen.  Das wird sie angesichts steigernder Kosten weiter in die Enge treiben.  So verständlich die Politik der Versorger, im Einzelfall hart zu bleiben,  aus betriebswirtschaftlicher Sicht  sein mag, eine Dauerlösung  kann es nicht sein, einfach zu kappen. Politische Rezepte sind dringend gefragt.

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