Immer mehr Schüler können kein Deutsch

Lernen mit Bildkarten: Lehrerin Verena Jöhnk bringt Schülern an der Vicelinschule erste Begriffe bei.
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Lernen mit Bildkarten: Lehrerin Verena Jöhnk bringt Schülern an der Vicelinschule erste Begriffe bei.

Das Land hat die speziellen Lehrerstellen gerade verdoppelt

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29. Januar 2015, 05:00 Uhr

Neumünster | Die Zahl der Schüler ohne jegliche Deutschkenntnisse hat sich in Neumünster in knapp sieben Jahren versiebenfacht. Während 2008 noch 21 Schüler mit dieser Problematik besonders gefördert wurden, sind es mittlerweile 145 schulpflichtige Kinder und Jugendliche zwischen 6 und 16 Jahren, die quasi ohne ein Wort Deutsch zum Unterricht erscheinen. Hinzu kommen 1143 Schüler mit einem sogenannten sprachlichen Förderbedarf, also gewissen Defiziten in der hiesigen Unterrichtssprache. Das stellt die Schulen vor große Herausforderungen. Mittlerweile hat das Land aber auf diese Entwicklung reagiert.

Dass in Neumünster so viele Kinder mit Sprachschwierigkeiten leben, liegt laut Schulamt nicht an der Erstaufnahmestelle für Flüchtlinge. Kinder, die dort ankommen, werden in der Regel nach rund 14 Tagen mit ihren Familien auf die Kreise verteilt. Lediglich auf sich allein gestellte Jugendliche werden hier vom Amt für soziale Dienste (ASD) untergebracht und kommen somit auch in weiterführende Schulen. Ausschlaggebend für die Flut des Förderbedarfs ist vielmehr der Zuzug von Familien aus dem osteuropäischen Raum nach der Öffnung des europäischen Arbeitsmarkts. Viele Mädchen und Jungen aus Rumänien, Bulgarien, Polen, aber auch aus Griechenland und China sind dabei. „Im Schuljahr 2014/2015 haben von den 5021 Schülern in der Stadt 1525 Schüler einen Migrationshintergrund. Das entspricht einem sehr hohen Anteil von 30,37 Prozent“, erklärt Schulrat Jan Stargardt. Seit 2008 wurden deshalb sogenannte Daz-Zentren (Deutsch als Zweitsprache) eingerichtet, in denen Kindern ohne Deutschkenntnisse in Vollzeitkursen erste Kompetenzen vermittelt werden, bevor sie nach und nach in ihre Regelklassen zurückkehren und nur noch stundenweise speziell geschult werden.

In Neumünster gibt es drei dieser speziellen Anlaufstellen, in denen Schüler aus der ganzen Stadt zum Intensivunterricht gesammelt werden. Lange Wartezeiten, wie sie zum Beispiel von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) für manche Standorte beklagt werden, gibt es hier nicht. In Neumünster müssen die betroffenen Kinder nicht erst lange sprachlos in ihren Regelklassen verweilen.

An der Vicelinschule werden aktuell 63 Grundschüler ohne Deutschkenntnisse betreut, an der Mühlenhofschule sind es 27. Die Helene-Lange-Schule kümmert sich für alle weiterführenden Schulen um 55 Kinder und Jugendliche. Gerade bei den Älteren sind die Voraussetzungen oft sehr unterschiedlich. „Wir haben durchaus 13-Jährige, die in ihrer Muttersprache weder lesen noch schreiben können“, erklärt Angelika Neth, Kreisfachberaterin für Daz und Lehrerin an der Helene-Lange-Schule. Außerdem sind einige Flüchtlinge aus Afghanistan oder Somalia durchaus traumatisiert, so Angelika Neth. Hinzu kommen stets 60 bis 70 Kinder und Jugendliche, die während ihres Kurzaufenthalt in der Flüchtlingsunterkunft für wenige Tage bereits Unterricht erhalten – „im Grunde, um sich gleich an das System Schule zu gewöhnen“, sagt Angelika Neth.

Trotz der wohl auch weiterhin wachsenden Zahl der Schüler mit entsprechendem Förderbedarf hält sie mit ihren Kollegen an ihrem Ziel fest: „Möglichst alle sollen hier einen Schulabschluss machen“, so die Maßgabe. Die Chancen dafür stehen nicht schlecht. Das Land hat mittlerweile auf die hohen Zahlen in Neumünster reagiert und bis Anfang Februar die Lehrerstellen verdoppelt. In den Daz-Zentren geben jetzt zehn statt bisher fünf Lehrer Deutsch als Intensivkursus. In der Erstaufnahmestelle wurde die Zahl der Lehrer von drei auf sechs erhöht.

Kommentar:

Bildung ist der Weg zum Erfolg:

Doch ohne Sprache bleibt dieser Weg versperrt. Aber Neumünster braucht ebenso wie viele andere Regionen erfolgreiche Schulabsolventen. Denn der demografische Wandel  droht und mit ihm  der Fachkräftemangel. Deshalb ist es nur vorausschauend, dass das Land   die Planstellen in den Daz-Zentren aufgestockt hat.  Sinnvoll ist auch, dass tatsächlich zusätzliche Stellen geschaffen wurden und nicht durch billige Umverteilung Lücken gerissen wurden.

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