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Verkehrsversuch in Neumünster : Im Handel beginnt das große Zittern

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Sperrung, Baustellen, Umleitungen: In der Neumünsteraner Innenstadt ist es ruhiger geworden – allerdings nicht nur auf den Straßen, sondern auch in den Läden.

Neumünster | Drei Monate nach Beginn des Verkehrsversuchs in Neumünster wird der Einzelhandel in der Innenstadt nervös. „Die meisten Einzelhändler haben mit Umsatzeinbußen von 5 bis 20 Prozent zu kämpfen“, sagte auf Nachfrage Dierk Böckenholt, Hauptgeschäftsführer des Einzelhandelverbands Nord. Schuld daran sei nach Ansicht vieler Unternehmen vor allem die Verkehrssituation und die mangelnde Informationspolitik der Stadt zu diesem Thema. Der Courier hat sich umgehört.

Maike Mundt von Blume 2000 empfindet den Großflecken wie gelähmt. „In der Innenstadt ist Totentanz. Selbst die Markttage sind schwächer besucht, und nachmittags ist gar nichts mehr los. Die Kombination aus Großflecken-Sperrung und all diesen Baustellen ist tödlich. Ich habe den Eindruck, auswärtige Besucher verfahren sich und landen dann aus Versehen in Kiel. Man kann diesen Versuch nur abbrechen. Oder ist der Einzelhandel der Stadt nicht mehr wichtig, da ja bald das ECE kommt?“

Dringenden Handlungsbedarf sieht auch Lothar Müller vom Porzellangeschäft Horn. Seit Anfang September sei es auf dem Großflecken gespenstisch still geworden; das liege weniger an der Sperrung als an den Baustellen. „Die Menschen sind unsicher, finden ihre Wege nicht mehr und haben sich umorientiert. Wir haben starke Rückgänge bei Kundenfrequenz und Umsätzen“, sagt Müller. Der Verkehrsversuch müsse beendet werden, bis die Baustellen fertig seien, meint Müller.

Bodo Möller vom Freizeitausstatter Sack & Pack steht einer Verkehrsberuhigung des Großfleckens grundsätzlich durchaus positiv gegenüber, sein Urteil über die Sperrung fällt dennoch vernichtend aus: „Ganz schlecht gemacht, verkehrstechnisch und medial“, sagt der Verkaufer, der seit zwölf Jahren am Großflecken arbeitet: „Die Autofahrer verstehen die Regelung nicht, und wer aus Versehen vom Navi auf den Platz gelockt wird, wird mit Knöllchen abgemahnt. So geht man mit auswärtigen Gästen nicht um“, kritisiert Möller. Er fordert, den Versuch noch vor dem Weihnachtsgeschäft abzubrechen.

Etwas entspannter sieht es Jürgen Andresen, Seniorchef der gleichnamigen Bäckereikette. Das Unternehmen hat gleich drei Filialen am Großflecken. Während in der Marktpassage und bei Karstadt der Verkehrsversuch bislang kaum zu spüren ist, hat Andresen für sein „Brot & Zeit“-Geschäft einen Umsatzrückgang „um die 10 Prozent“ registriert. Dennoch glaubt Andresen, dass die Stadt langfristig um eine Verkehrsberuhigung des Großfleckens nicht herumkommen werde. Viel schädlicher seien die vielen Langzeitbaustellen drumherum, mahnt der Bäckermeister.

Philipp Oldehus vom gleichnamigen Café glaubt, dass der Handel bereits schwere Schäden genommen hat. „Das beginnt im Kopf der Kunden: ,Baustellen, Sperrungen, Umleitungen – da bleibe ich gleich zu Hause oder kaufe woanders ein.’“ Oldehus empfiehlt dem OB, im Autos eines Auswärtigen in die Stadt zu fahren. „Da wird er sich wundern, was er alles zu sehen bekommt.“ Auch auf dem Ring sei es ja nicht besser, wenn man ab dem Ilsahl im Stau stehe. Oldehus hat den Eindruck einer schlechten Koordination: „Ständig kommt eine neue Baustelle oder eine wird verlängert. Demnächst ist Frost, und dann liegt alles den ganzen Winter über brach.“ Seine Traum-City sieht übrigens so aus: „Man darf in der ganzen City gratis parken und bekommt kostenlos das Auto gewaschen. Hostessen begrüßen die Gäste freundlich und bieten ihre Hilfe an, statt Strafzettel zu verteilen.“

Größere Bedenken gibt es offenbar auch in der Holstenstraße. „In der Nachbarschaft sprechen die Kollegen von Umsatzeinbußen zwischen 30 und 50 Prozent“, sagt Ruth Berendt von Messer Wagner. Einige Kunden von auswärts würden sich am Telefon beschweren: „Wir finden Sie nicht!“ Um sich selbst ein Bild zu machen, hat ihre Chefin einen Kunden-Fragebogen zur Zufriedenheit mit der Straßenführung und der Erreichbarkeit der Parkplätze entworfen, der seit ein paar Tagen in mehreren Geschäften ausliegt. Bislang bekomme die Stadt dabei schlechte Noten, sagt die Geschäftsfrau.

Auch in der Lütjenstraße steigt die Unzufriedenheit. Klaus Ruser von Photo Ruser sieht eine massive Beeinträchtigung durch die Verkehrssituation. Er sagt, eine solche Planung sei nicht akzeptabel, schließlich verdienten die Unternehmen über die Steuern auch das Geld der Stadt. „Kein Unternehmen würde so handeln, wie die Stadt es getan hat, ohne abgestraft zu werden“, sagt er.

Heike von Sintern von Sport 2000 sieht es genauso, aber: „Es sind Tatsachen, mit denen wir uns abfinden müssen und auf die wir zu reagieren haben“, sagt sie. Die Umsätze des Ladengeschäfts seien um 20 Prozent zurückgegangen. Anders sieht die Situation bei Bücher Lübbert aus: Dort seien die Umsätze sogar gestiegen. „Das liegt aber an der Umstrukturierung unseres Geschäfts. Außerdem bezahlen wir unseren Kunden den Parkplatz in der Tiefgarage“, sagt Dirk Döring-Hanek.

Besonders hart trifft es Pierluigi Monfroni vom Weinladen an der Wittorfer Straße, die seit Monaten aufgrund der Fernwärme-Baustelle gesperrt ist. Er sagt: „Katastrophal! Meine Umsätze sind um 30 Prozent zurückgegangen, ich bekomme noch nicht mal Lieferungen, weil Lkw keine Zufahrt haben.“ Monfroni befürchtet, dass ihm auch im Weihnachtsgeschäft wichtige Einnahmen entgehen. „Die brauche ich aber für die schlechten Zeiten im nächsten Jahr“, erklärt er.

Die Situation am Kuhberg scheint halbwegs entspannt zu sein. Die Umsätze seien stabil, aber man fürchte, das werde nicht mehr lange so bleiben, hieß es von Frenz Optic, Juwelier Oertling, Jack Wolfskin und Sport Hauberg. „Wir sind ja auch noch erreichbar“, sagte Philip Hauberg.

 

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erstellt am 11.Okt.2013 | 05:00 Uhr

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