Neumünster : Im Delirium durch die Autobahn-Baustelle gerast

Bei einem Prozess wurde ein Autofahrer verurteilt, der sich mit Gesundheitsproblemen ans Steuer gesetzt und viel Schaden angerichtet hatte.  Foto: dpa
Bei einem Prozess wurde ein Autofahrer verurteilt, der sich mit Gesundheitsproblemen ans Steuer gesetzt und viel Schaden angerichtet hatte. Foto: dpa

Weil er sich trotz Unwohlseins hinters Steuer setzte, soll ein 62-jähriger Autofahrer 1600 Euro Geldstrafe zahlen. Verteidigerin ist empört.

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10. August 2018, 10:00 Uhr

Neumünster | Er hatte einen wahrhaftig fähigen Schutzengel – aber offenbar einen ohne Jura-Studium: Am 23. Februar meldete sich Torsten Müller (Name geändert) kurz nach Dienstantritt bei seinem Arbeitgeber in Kaltenkirchen. Ihm sei unwohl, er wolle seinen Hausarzt aufsuchen. Der 62-jährige Bauleiter setzte in seinen Wagen und machte sich auf den Heimweg. Dann wurde ihm schwarz vor Augen.

Als er wieder zu sich kam, saß er im Wagen auf dem Seitenstreifen bei der Abfahrt Neumünster-Nord der A 7. Jemand forderte ihn auf, auszusteigen. „Ich sah, dass das Auto total kaputt war. Was passiert ist, weiß ich nicht“, schilderte Müller die Rückkehr seiner Erinnerung gestern vor Gericht.

Passiert war allerdings eine ganze Menge: In Höhe Neumünster-Süd knallte sein Pkw nahezu ungebremst auf den Kleinwagen einer Studentin. Sie sah noch, wie der Unfallfahrer an ihr vorbeizog und „in mehreren Schlingerbewegungungen“ durch die enge Baustelle bretterte. Sie informierte sofort die Polizei. Nur wenige Kilometer weiter fiel einem Polizisten, der privat mit seiner Freundin unterwegs war, die merkwürdige Fahrweise des schlingernden und bereits kräftig demolierten Wagens auf. Immer wieder krachte der Wagen gegen die Mittelleitplanke und überfuhr unter anderem mehrere Warnbaken. Der Polizist beschleunigte in der Baustelle auf 120 Stundenkilometer und hängte sich an den Unfallfahrer. Dem Polizisten war klar: Er musste den Fahrer stoppen.

Spektakulär eingreifen brauchte er aber nicht mehr: Der Wagen war bereits so stark demoliert, dass er nur noch ausrollte. Der Polizist stoppte hinter dem Unfallfahrer, öffnete die Fahrertür – „der stand noch auf dem Gaspedal!“ – und brachte den kaum ansprechbaren Amokfahrer hinter die Leitplanke in Sicherheit. „Mein Eindruck war, dass der Wagen praktisch führerlos war: Das Fahrzeug wurde nur noch durch die Leitplanken und Baustellenhindernisse auf die Fahrspur zurückgeworfen“, sagte der reaktionsschnelle Polizist vor Gericht.

Erst ein Neurologe stellte später fest, dass Torsten M. unter Krampfanfällen leidet. Wegen der Krankheit war der Bauleiter in laufender Behandlung.

Der Richter mochte zwar die „krankheitsbedingten Beinträchtigungen“ des Angeklagten während der Autobahnfahrt anerkennen, stellte aber auch klar, dass Fahrlässigkeit juristisch sehr früh ansetzt: Schon bei der Ankündigung, dass ihm unwohl sei, hätte er sich nicht mehr hinters Steuer setzen dürfen. Wegen fahrlässiger Gefährdung des Straßenverkehrs verurteilte er den Unfallfahrer zu 1600 Euro Geldstrafe.

Ein Urteil, das die Verteidigerin empörte: Ihr Mandant habe ein Kratzen im Hals gespürt, eine aufziehende Grippe vermutet und deshalb seinen Hausarzt konsultieren wollen. „Ich kann nicht erkennen, was daran auch nur ansatzweise vorhaltbar sein soll.“ Ob sie das Urteil anfechten will, ließ sie gestern offen.

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