"Ich sah ihren Augen an, dass es zu Ende geht"

Porzellanmalerei von Hildegard Knef: Paul Schell zeigt den Teller mit dem Pferdekopf, den   seine Hilde damals mit einer  ungewöhnlichen  Aufschrift versehen  hat: 'Einem geschenkten Gaul blickt man nicht hinter die Kiemen.'    Foto: Carstens
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Porzellanmalerei von Hildegard Knef: Paul Schell zeigt den Teller mit dem Pferdekopf, den seine Hilde damals mit einer ungewöhnlichen Aufschrift versehen hat: "Einem geschenkten Gaul blickt man nicht hinter die Kiemen." Foto: Carstens

Paul Schell stand 25 Jahre lang an der Seite von Hildegard Knef / Tausende verfolgten 1977 die Trauung / Auf dem Todesbett flüsterte er seiner "Püppi" zärtliche Worte ins Ohr

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04. Februar 2012, 11:34 Uhr

Neumünster | "Ich mochte sie sofort. Sie war sehr natürlich, aber es ging ihr nicht gut. Hilde wirkte hilflos. Das habe ich gleich gespürt." Mit diesen Worten beschreibt Paul Schell seine erste Begegnung mit Hildegard Knef. Damals im Sommer 1976. Sie war gerade frisch geschieden von David Cameron, stand vor dem Neubeginn in ihrem Leben und verkaufte ihre riesige Villa im österreichischen Traunkirchen, um mit Tochter Christina (8) wieder nach Berlin zu ziehen.

Paul Schell hatte als Assistent des Regisseurs Robert Aldridge gerade drei anstrengende Drehmonate mit Burt Lancaster und Richard Widmark ("Das Ultimatum") hinter sich. Ein gemeinsamer Freund bat ihn, den Umzug der Knef zu organisieren. "Sie hatte damals nicht die beste Begleitung. Ich wurde schnell ihre Vertrauensperson", erzählt Paul Schell.

"Die Hilde" nahm ihn dann mit nach Berlin. Er half ihr bei der Einrichtung des neuen Domizils an der Clausewitz-Straße, organisierte Arzttermine, kümmerte sich um Tochter "Tinta", wenn es Mutter Hildegard schlecht ging. Aus dem Vertrauten und guten Freund wurde ein verlässlicher Lebenspartner und wenig später der (dritte) Ehemann. Paul Schell (36) und Hildegard Knef (51) heirateten am 1. Juni 1977.

"Der Altersunterschied spielte keine Rolle", sagt Paul Schell. "Hilde war eine Traumfrau. Sie war attraktiv, klug, großzügig und besaß eine alterslose Erotik." Sie war seine "Püppi", er war ihr "Pa prikaner". Denn Paul Schell, Jahrgang 1940, ist gebürtiger Ungar, heißt eigentlich Paul Rudolf Freiherr von Schell zu Baumschlott und entstammt einer österreichisch-ungarischen Adelsfamilie, die 1948 über Wien in die USA emigrierte und dabei auch sämtliche Titel ablegte.

Die Trauung verfolgten Tausende Schaulustige vor dem Rathaus in Charlottenburg. Zu den 40 geladenen Gästen bei der Abendparty zählten Berlins Bürgermeister Klaus Schütz, der TV-Entertainer Peter Frankenfeld und Schlagerstar Rex Gildo.

Dessen Hochzeitspräsente, zwei verschnörkelte Becher, stehen heute auf dem Sims der Wohnung in Tungendorf. Paul Schell lebt seit ein paar Monaten bei seiner neuen Lebensgefährtin in Neumünster. Gabriele Runge (48) hatte sich vor ein paar Jahren ihren innigsten Wunsch erfüllt und Ölbilder gekauft, die Hildegard Knef selbst gemalt hatte.

Die frühere Elektronik-Einkäuferin bei AEG wollte als Fan mehr Hintergründe über das Leben der großen Muse erfahren - und kam in Berlin in Kontakt mit Paul Schell. Der "aufgeschlossene, unkonventionelle Mensch" imponierte ihr. "Er ist sehr jung im Denken und im Handeln", lobt Gabriele Runge. Paul Schell folgte seiner neuen Lebensgefährtin nach Neumünster - gemeinsam pflegen sie in Tungendorf die Erinnerung an Hildegard Knef.

Beide bekämpfen hartnäckig das weit verbreitete Gerücht, "die Knef" sei alkoholabhängig gewesen. Nach den Worten von Paul Schell hatte seine Frau allerdings große Probleme mit Medikamenten. Bedenkenlos hätten ihr die Ärzte Schmerzmittel und sogar Morphiumspritzen verschrieben, ohne auf die Gefahren dauerhaften Missbrauchs hinzuweisen. Paul Schell übernahm deshalb auch die Aufgabe, den Tablettenkonsum zu reglementieren. Mit Erfolg: Hildegard Knef, vorher auf 45 Kilo abgemagert, kehrte während der dritten Ehe zu ihrem Idealgewicht von 60 Kilo zurück.

Wie übel ihr mitunter mitgespielt wurde, erlebte Paul Schell hautnah. Der berühmte Regisseur Billy Wilder etwa hatte Hildegard Knef für "Fedora" engagiert; die Titelrolle der vom Leben gezeichneten polnischen Gräfin war ihr auf den Leib geschrieben. Und obwohl Hildegard Knef mit ihrem leichten Akzent im Englischen auch nach Meinung von Henry Fonda ihre Aufgabe grandios bewältigte, ließ Wilder ihre Stimme synchronisieren - damit nahm er ihr aber jegliche Chance auf den "Oscar". "Hilde wurde entweder geliebt oder gehasst", stellt Paul Schell rückblickend fest.

Als leidenschaftliche Raucherin kam Hildegard Knef täglich auf 40 Zigaretten oder mehr. In späten Jahren litt sie an einem gefährlichen Lungenemphysem, das ihr etliche Klinikaufenthalte bescherte. Paul Schell war auch an ihrer Seite, als sie am 31. Januar 2002 nach einer schweren Attacke erneut eingeliefert wurde. "Die Ärzte sagten mir, dass sie sich wieder erholt. Aber ich sah ihren Augen an, dass es zu Ende geht. Ich flüsterte ihr meine Abschiedsworte ins Ohr." Was er sagte, bleibt aber sein Geheimnis. Hildegard Knef starb gegen 2 Uhr nachts am 1. Februar 2002.

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