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Boostedt : „Ich mache mich täglich zum Affen“

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Der Unterricht in der Flüchtlingsschule ist anders als an anderen Schulen. Keine Klassenarbeiten und Zeugnisse, aber viel Dankbarkeit.

shz.de von
erstellt am 09.Sep.2015 | 10:00 Uhr

Neumünster | Die wichtigsten Eigenschaften sind Geduld und Organisationstalent. Beides besitzt Angelika Neth zu Genüge. Wenn heute der Unterricht in der neuen Flüchtlingsschule in Boostedt startet, ist die Lehrerin und Koordinatorin für Deutsch als Zweitsprache (Daz) bestens vorbereitet. Gemeinsam mit ihren sechs Kolleginnen hat sie nach dem Umzug aus der Landesunterkunft am Haart (der Courier berichtete) die drei hellen und freundlichen Klassenzimmer im Haus 6 der ehemaligen Kasernenanlage liebevoll eingerichtet. Die Schüler können kommen. Wie viele es werden und wie lange sie bleiben? Das ist bis zu Beginn der ersten Stunde die große Frage.

Schleswig-Holstein ist neben Hamburg das einzige Bundesland, dass Flüchtlingskinder bereits in den Erstaufnahmeeinrichtungen beschult, trotz faktischer Schulpflicht. Und Boostedt ist noch die einzige Schule. Seeth, Eggebek und Kiel sind erst im Aufbau. Das Interesse ist groß. „Es waren schon reichlich Erwachsene und Kinder hier und haben gefragt, wann es endlich losgeht. Das ist für die Kleinen auch Ablenkung nach den traumatischen Erlebnissen der Flucht“, sagt Angelika Neth.

Zwar gleichen die Klassenräume denen an anderen Schulen, doch mit dem gewöhnlichen Unterricht ist der Ablauf kaum vergleichbar. Die Lehrer müssen zunächst einmal feststellen, welche Sprachen die Kinder sprechen und wie der ungefähre Wissensstand ist. Verstehen sie Englisch? Können sie schon rechnen und schreiben? „Wir teilen dann in Lerngruppen nach Grundschülern, Mittel- und Oberstufe ein“, erklärt Angelika Neth. Anschließend wird vor allem eines gemacht: Deutsch gepaukt. Vier Stunden pro Tag sind vorgesehen.

Ihr wichtigstes Ziel ist die Vermittlung eines „Überlebens-Wortschatzes“. Dazu gehören die Bezeichnungen der Körperteile, die Richtungsangaben sowie Begriffe aus dem Verkehr. Die Kinder sollen sagen können, wo ihnen bei einer Krankheit etwas weh tut. „Außerdem ist es wichtig, dass sie sich im fremden Land orientieren. Wenn sie nach wenigen Wochen auf die Kreise verteilt werden und nicht wissen, was ein Bus oder überhaupt eine Bushaltestelle ist, wird es schwierig“, sagt Angelika Neth.

Der Unterricht ist individuell. Nicht nur, weil jedes Kind einzeln gefördert werden soll, sondern auch weil ein Großteil der Unterrichtsmaterialien selbst von den Lehrern hergestellt wurde. Der Stundenplan richtet sich vor allem nach den Essenszeiten in der Erstaufnahme-Einrichtung, muss sich aber auch an persönlichen Terminen, etwa Beratungsgesprächen, orientieren.

Die Kommunikation mit den anfangs oft noch schüchternen Schülern erfolgt in der Regel über Bilder, Piktogramme und Schauspiel mit Händen und Füßen. „Ich bin ein Ganzkörper-Lehrer und mache mich täglich zum Affen. Das ist aber nicht negativ, sondern ganz im Gegenteil. Es lockert die Stimmung auf. Im Zweifel tanze ich eben“, sagt Angelika Neth lachend.

Das Lehrersein in der Flüchtlingsschule ist eben anders: Es gibt keine Zeugnisse, keine Klassenarbeiten, keine Klassenfahrten, dafür aber Improvisation und sehr viel Dankbarkeit. Wenn sie den Kindern zum Schluss ihre Bescheinigung für die Daz-Schulen in den Kreisen in die Hand drückt, blickt Angelika Neth nicht selten in strahlende Augen. „Die Arbeit bereichert mich immer wieder aufs Neue.“

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