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Seniorenmagazin : Ich könnte Stunden am Bauzaun stehen

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Ein solch riesiges Vorhaben wie den Bau der Holsten-Galerie hat Gerhard Scheurich noch nie aus der Nähe miterlebt.

shz.de von
erstellt am 26.Sep.2014 | 07:30 Uhr

Neumünster | Unter meinen Vorfahren väterlicherseits gab es eine Reihe von dörflichen Handwerkern; Bauhandwerker waren aber nicht darunter. Wieso ich also immer wieder von Baustellen fasziniert bin, kann ich mir nicht erklären. Ein solch riesiges Bauvorhaben aber wie das zwischen Bahnhofsstraße und Teich in Neumünster habe ich noch nie aus der Nähe miterlebt.

Während der Greifer eines schweren Kettenfahrzeuges die letzten Mauerreste des Courier-Hauses einriss, ein anderes Metallteile aus dem Schutthaufen heraus-zog, ein mächtiger Schaufelbagger den Bauschutt-Brecher fütterte, der wiederum feinkörnigeres Material ausspuckte, das zu Halden aufgeschichtet und fortlaufend mit Kipplastern abtransportiert wurde, wuchs am anderen Ende der Großbaustelle mit ungeahnter Geschwindigkeit das aus Beton-Fertigteilen bestehende Treppenhaus des zukünftigen Parkhauses in die Hö-he und wurden an vielen Stellen bereits die Fundamente der zukünftigen Holsten-Galerie gegossen. Und all diese Vorgänge schienen mit der Präzision eines Uhrwerkes ineinander zu greifen. Ich hätte stundenlang als Seh-Mann am Bauzaun stehen mögen!

Fast irreal kommen mir diese modernen technischen Abläufe vor, wenn ich 66 Jahre zurück denke: Die meisten Arbeitskommandos, die jeden Morgen das Tor eines Kriegsgefangenenlagers in Lettland unter Bewachung einiger Sowjetarmisten passierten, waren auf Baustellen eingesetzt. Es ging um die Wiedererrichtung von Gebäuden, die die deutsche Wehrmacht beim Rückzug zerstört hatte. Da ich als Oberschüler keinen Beruf gelernt hatte, gehörte ich zur großen Gruppe der Hilfsarbeiter, die zunächst den Bauschutt abzutragen hatten. Jeweils zwei Mann benutzten dazu flache Holztragen. Alles, was noch zum Bauen taugte, wurde heraus sortiert, die Ziegelsteine mit Maurerhämmern von Mörtelresten befreit, irgendwo herausgezogene Nägel gerade geklopft. Wieder kamen die Holztragen zum Einsatz, um die geputzten Ziegelsteine und den Speis – wie wir den Mörtel nannten – zu den Maurern an die Baustelle zu bringen. Dieser wurde aus gelöschtem Kalk, Kies und Was-ser mit Schaufeln in einem Holztrog angemischt. Anstrengend wurde es für uns Hilfsarbeiter, wenn der Bau in die Höhe wuchs, und wir das Material über Leitern auf das Gerüst schleppen mussten. Und all das spielte sich auch im Winter bei klirrendem Frost ab. Baufachleute unter den Gefangenen meinten damals, der ganze Bau werde in sich zusammensacken, wenn das Frühjahrstauwetter einsetze.

Das gesamte Seniorenmagazin finden Sie in der Courier-Ausgabe vom 26. September.
 

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