Ich hatte immer Hunger

konetzkydieter1

Mutter, Schwester und ich kamen auf einem Hof in Niederbayern unter / Willkommen waren wir nicht

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22. April 2020, 15:56 Uhr

Neumünster | Vor 75 Jahren im Spätwinter wurden wir nach der wochenlangen Flucht aus Schlesien auf einem Einödhof in Niederbayern untergebracht. Zwei Schwestern bewirtschafteten das Gehöft. Als meine Mutter ihnen den Einquartierungsschein vorzeigte, sagte eine nach einem kurzen Blick darauf: „Na, wir nemma kana.“

Sie wusste wohl schon, um was es ging. Erst als ein älterer Mann, der auch meine kleine Schwester trug, mitkam, konnten wir in die Schlafkammer des in Russland gefallenen Knechtes einziehen. Darin stand ein Bett mit einem damals üblichen Strohsack sowie einer Art Pferdedecke. Diese beiden Sachen schleppte eine der Schwestern gleich mit der Bemerkung hinaus: „Des braucha mer selber.“ Vermutlich hoffte sie, dass meine Mutter angesichts des leeren Bettgestells wieder gehen würde. Aber wohin sollten wir?

Meine Schwester war damals ein Jahr alt und hatte sich infolge der Kälte eine Lungenentzündung zugezogen. Eine ärztliche Versorgung gab es damals nicht. Als meine Mutter eine der Frauen um eine Tasse warmer Milch für das kranke Kleinkind bat, hieß es nur: „Mir ham selber nix.“ Dabei drehte eine Schwester an der Kurbel eines Butterfasses.


Keine Milch für das kranke Kind

Mit Beginn der Frühjahrsbestellung bot meine Mutter ihre Arbeitskraft an. Dafür bekamen wir etwas zu essen. Das war damals das Wichtigste. Fast jeden Tag kamen Hamsterer vorbei und baten um etwas Essbares. Ich hatte aber immer Hunger. Als ich   in der Dorfschule mal einen wohlgenährten Bauernjungen fragte, ob er mir von seinem Pausenbrot ein Stück abgeben würde, grinste er nur und meinte: „Selber essn machd fed, die annern Leit brauchn an Dreg!“ Diesen Satz hatte er sicher von den Erwachsenen gehört.

Für die Einheimischen waren wir Flüchtlinge, die „Fremma“ (Fremde), die „Reigschmecktn“, die „Zugroastn“ oder schlicht die „Russn“. Von der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft oder gar christlicher Nächstenliebe war damals kaum etwas vorhanden. Es galt wohl eher die Erkenntnis von Bert Brecht, wonach vor der Moral das Fressen kommt.

Nach zwei Jahren konnten wir den Hof verlassen. Mein Vater, der bei Kriegsende als Soldat in Nordbayern gestrandet war, bekam für uns eine Zuzugsgenehmigung. Damals wollten die Kommunen keine zusätzlichen Flüchtlinge aufnehmen. Die Familie war wieder vereint.

Rückschauend muss ich aber sagen, dass ich nicht weiß, wie ich handeln würde, wenn wildfremde Leute vor meiner Haustür stehen und ich sie zwangsweise auf unbestimmte Zeit beherbergen muss.

Das Elternhaus meiner Frau war hier an der Altonaer Straße bis hinaus in den nicht ausgebauten Spitzboden 1945 mit Flüchtlingen belegt.

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