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Bordesholm : „Ich habe das leider alles so erlebt wie im Film“

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Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

100 Hans-Brüggemann-Schüler sahen gestern zu Beginn der Schulkinowoche in Bordesholm „Freistatt“ . In dem Erziehungsheim waren die Kinder der Willkür der Diakone ausgesetzt.

shz.de von
erstellt am 23.Nov.2015 | 17:34 Uhr

Bordesholm | Zum Auftakt der Schulkinowochen gab es im Savoy-Kino harte Kost: Der Film „Freistatt“ erzählt das Leben des 14-jährigen Wolfgang im kirchlichen Erziehungsheim Freistatt bei Bremen. Dort waren die Kinder der grausamen Willkür der Diakone ausgesetzt, die mit Gewalt und Missbrauch die Jungen unterdrückt haben. Schule und Bildung gab es nicht, sechs Tage in der Woche haben die Kinder im Moor arbeiten müssen. Nach der Filmvorführung haben gestern einige Schüler weinend den Saal verlassen.

„Ich möchte, dass die Geschichte bekannt wird. Man kann Kinder nicht durch Erniedrigung und Entpersönlichung erziehen, sondern muss das Selbstwertgefühl stärken“, erklärte Wolfgang Rosenkötter nach dem Film. Etwa 100 Neunt-und Zehntklässler der Hans-Brüggemann-Schule aus Bordesholm und der Gemeinschaftsschule aus Nortorf folgten beklommen den Ausführungen. Der mittlerweile 70-jährige Hamburger hat in den 60er-Jahren 16 Monate in der Anstalt verbracht, seine Biografie wird im Film von Regisseur Marc Brummund erzählt.

„Ich habe das leider alles so erlebt, wie es im Film geschildert wird. Es gibt nur zwei dramaturgisch bedingte Ausnahmen“, berichtete Wolfgang Rosenkötter. „Damals kam man wegen Schulschwänzerei ins Heim“, sagte er weiter. Eine Schülerin wollte wissen, wie es sich für ihn anfühlte, den Film zu sehen. „Ich musste zwei Mal rausgehen, weil ich es nicht ertragen konnte. Ich habe den Film erst zwei Mal gesehen, und ich muss manchmal die Augen schließen.“ Noch heute verfolgen den Vater eines Kindes Ängste: „Ich kann nicht im Dunkeln schlafen und bei Schlüsselbundklappern erschrecke ich.“ Die Kinder haben Glasscherben gegessen, um ins Krankenhaus zu kommen und von dort aus zu fliehen. Ist das gelungen, haben die meisten Menschen ihnen nicht geglaubt. „Auch zu Hause hat man mir nicht geglaubt, dass in einer kirchlichen Einrichtung so Schreckliches geschieht.“ Die Anstalt existiert noch, Wolfgang Rosenkötter ist dort Vertrauensmann.

Vor drei Jahren hat er seine Akte bekommen, darin waren 40 Jahre alte Briefe, die ihn nie erreicht haben. „Von draußen haben wir nichts mitbekommen. Besuch war verboten.“ Mit anderen Leidtragenden hat er eine Klage beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte laufen. „Strafrechtlich ist nichts mehr zu machen. Körperverletzung verjährt nach zehn Jahren“, erklärte Rosenkötter, der sein Abitur nachgeholt und Sozialwissenschaften studiert hat.

„Der Film ist verstörend, fesselnd und ergreifend“, beschrieb die Schülerin Tamani (16) aus Nortorf ihr Gefühl. „Ich habe mit mir gerungen, weil der Film so hart ist. Aber da Herr Rosenkötter anwesend war, entlastet das“, begründete die Lehrerin Elke Kuhlmann aus Nortorf den Kinobesuch.

Die Schulkinowoche ist ein landesweites Projekt, an dem 41 Kinos teilnehmen, darunter auch das Cineplex in Neumünster. Das Savoy erwartet über 750 Schüler aus den Klassen eins bis zehn in zwölf verschiedenen Vorstellungen. 

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