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100. Geburtstag : „Ich hab’ mein Leben nicht vergeudet“

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Theresia Theinert feiert heute im Kreis von Freunden und Familie ihren 100. Geburtstag.

Neumünster | Wenn Theresia Theinert irgendwo ein neues Koch- oder Backrezept entdeckt, muss sie es gleich ausprobieren. Dann muss Tochter Gudrun oder ein anderes Familienmitglied mit ihr los auf den Markt zum Einkaufen, schließlich will man ja wissen, wie’s schmeckt. Eine „Powerfrau“ eben, die immer was um sich herum haben muss, die sich ihre Neugier nicht nehmen lässt und ständig Neues kennenlernen möchte. Im Fall von Theresia Theinert ist das allerdings noch etwas außergewöhnlicher als ohnehin schon. Denn die Powerfrau aus der Haberstraße feiert heute ihren 100. Geburtstag.

Dass die rüstige Dame in einem Alter, in dem andere längst innerlich mit dem Leben abgeschlossen haben, noch lange nicht müde ist, daran hat sich die Familie gewöhnt: „Sie muss immer etwas zu tun haben und unter Wind stehen, ich kann heute noch von ihr lernen“, sagt Tochter Gudrun in einer Mischung aus Belustigung und Bewunderung.

Offenbar hält das jung: Noch vor zwei Jahren (mit 98!) hat sie mit Tochter und Schwiegersohn im Harz den Blocksberg erklommen, immer mit dem Rollator vorweg. Vor einem Jahr (mit 99!) hat sie sie sich neue Linsen einsetzen lassen. Der Rendsburger Doktor staunte nicht schlecht: „Sie sind die älteste Patientin, die mir jemals untergekommen ist!“ Noch im stolzen Alten von 82 kletterte sie zur luftigen Rundfahrt in einen Ballonkorb, von der sie noch heute schwärmt: „Das möchte ich gern noch einmal machen!“

Theresia Theinert hält ihre „große Neugier“ für ihren Jungbrunnen. „Ich hab’ mich immer dafür interessiert, wie etwas funktioniert oder weitergeht“, sagt die Jubilarin, die schon als Kind viel herumgekommen ist. Geboren wurde die rüstige Seniorin mitten im Krieg im rheinländischen Giesenkirchen. Die Mutter war Rheinländerin, der Vater Bayer. Im zarten Alter von 14 Jahren zog sie mit der Familie nach Liebenau in Niederschlesien (heute Polen), wo ihr Vater eine Filiale der Textilfirma Dierig aufbaute. 1938 zog sie mit ihrem Mann nach Neumünster, ohne jedoch den Kontakt zur Familie in Schlesien zu vernachlässigen. Als der Krieg immer näher rückte, hielt sich Theresia Theinert mit ihren inzwischen zwei Kindern immer öfter bei den Eltern im vermeintlich sichereren Schlesien auf. Allerdings war die Hausfrau klug genug, den Hausstand auf Neumünster und Liebenau aufzuteilen.

Als die Front näher rückte, die Flucht aus Schlesien plötzlich immer drängender wurde, sprach sie auf dem Bahnhof den Stabsarzt eines zufällig haltenden Lazarettzuges an. Was sie nicht wusste: Der Stabsarzt war der Neumünsteraner Mediziner Dr. Meßtorff. Der verpflichtet die ausgebildete Schwesternhelferin vom Fleck weg als Betreuerin für seine Verwundeten. Nach elf Tagen Bahnfahrt war die junge Mutter mit ihren zwei Kindern wieder zurück in Neumünster.

Nur wenig später wurde ihre Mutter in Schlesien aus der Wohnung vertrieben. Ihre jüngste Schwester überlebte mit Mann und Kind den Feuersturm auf Dresden und floh ebenfalls nach Neumünster. „Damals wurde es ganz schön eng in unserer Zwei-Zimmer-Wohnung“, erinnert sich Tochter Gudrun an die schweren Zeiten. Aber die Enge schweißte die Familie nur um so dichter zusammen. Noch heute unterhält Theresia Theinert enge Kontakte zu ihrer Verwandtschaft im wiederaufgebauten Dresden: Jeden Sonntag meldet sie sich bei den Kindern ihrer Schwester – wie es sich für eine „Frau von heute“ gehört via Skype. „Typisch für sie“, schmunzelt Tochter Gudrun.

Ihre Verbundenheit mit der niederschlesischen Heimat hat Theresia Theinert auch nach dem Krieg nie aufgegeben. 1950 gehörte sie zu den Gründungsmitgliedern der Schlesischen Landsmannschaft, heute ist sie das älteste Mitglied der Neumünsteraner Kreisgruppe. Ihre Tochter ist dort inzwischen stellvertretende Kreisvorsitzende. In ihrer Wohnung an der Haberstraße, in der sie sich auch mit 100 noch weitgehend selbst versorgt, hängt im Schrank noch heute die niederschlesische Tracht, die die passionierte Schneiderin vor Jahren selbst geschneidert und bestickt hat.

Zur großen Geburtstagsparty wird heute in der Gaststätte Wilhelmsruh auch wieder ein Großteil der Verwandtschaft anreisen. Unter anderem wollen die drei Kinder Gudrun, Gerhard und Georg, Enkel und Urenkel auf Theresia Theinert anstoßen. Die blickt zufrieden auf ihr ganz persönliches Jahrhundert zurück: „Ich hab’ mein Leben nicht vergeudet!“

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erstellt am 06.Aug.2015 | 06:30 Uhr

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