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Grossenaspe : „Ich bin froh, dass es diesen Staat nicht mehr gibt“

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Diakon Albrecht Kaul (73) ist gebürtiger Chemnitzer und sprach in der Katharinenkirche als Zeitzeuge über sein Leben in der DDR.

Boostedt | Als Nichtwähler hatte Albrecht Kaul es in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) nicht leicht. Denn im Arbeiter- und Bauernstaat waren Menschen, die sich dem System entgegenstellten, nicht wohlgelitten – sie wurden bespitzelt, drangsaliert und unter Druck gesetzt. Von seinem Leben in der DDR erzählte der 73-jährige Diakon in der Großenasper Katharinenkirche unter dem Titel „Wunderjahr 89“.

Gemeinsam mit Martin Scott von der christlichen Kreativwerkstatt Wunderwerk berichtete der Zeitzeuge im Interview-Stil den rund 60 Zuhörern damit auch über die deutsch-deutsche Teilungs- und Wiedervereinigungsgeschichte. Albrecht Kaul erlebte 40 Jahre DDR. Er erklärte die für die Bewohner ‚unsichtbare‘ Grenze mit ihren Todesstreifen und Stacheldrahtzäunen ebenso wie die Mechanismen des Staatsapparates, die bis in den engsten, privaten Kreis hineinreichten.

Besonders still und aufmerksam wurde es in den Reihen der Besucher bei seinen Schilderungen der persönlich erfahrenen Verhöre, Einschüchterungsversuche und Überwachungen des Ministeriums für Staatssicherung (Stasi). Seine Stasi-Akte, aus der er wörtlich zitierte, belegte: Albrecht Kaul wurde in der DDR als „Staatsfeind“ erachtet. Festgemacht wurde dies an seinem christlichen Bekenntnis und seiner Tätigkeit als Jugendwart der Sächsischen Landeskirche. „Sie nahmen mich mit zur Klärung eines Sachverhaltes. Doch alle Vorwürfe erwiesen sich letztlich als haltlos“, erzählte er schmunzelnd in Anspielung auf die obligatorische Stasi-Floskel.

Die bahnbrechenden Entwicklungen im Jahr 1989 sorgten schließlich dafür, dass Kaul seinen Glauben ausleben konnte. Der gebürtige Chemnitzer nutzte diesen Spielraum aus und rief noch vor der offiziellen Wiedervereinigung den ersten CVJM-Landesverband in den neuen Bundesländern ins Leben. Nur wenige Wochen vorher wäre dies undenkbar gewesen. „Es war ja verboten. Und selbst Anfang 1989 war nicht abzusehen, dass sich etwas ändern würde. Bei den Montagsdemonstrationen standen Militär und Polizei bereit. Dass der Einsatzbefehl zurückgenommen wurde und kein Blut floss, sondern sich der Weg zur Wiedervereinigung öffnete, war ein Wunder. Und ich bin froh, dass es diesen Staat nicht mehr gibt“, war sein Schlusswort, das das gefesselt lauschende Publikum mit viel Applaus bedachte.

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