Neumünsters Geschichte : Hungerjahre und Trümmerzeit

Nach einem schwerem Bombenangriff standen völlig ausgebrannte Häuser an der Kreuzung Kieler Straße und Kuhberg. Heute steht hier der Neubau der Sparkasse.
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Nach einem schwerem Bombenangriff standen völlig ausgebrannte Häuser an der Kreuzung Kieler Straße und Kuhberg. Heute steht hier der Neubau der Sparkasse.

Das Buch „Als unser Leben Kleinholz war“ dokumentiert ein schlimmes Stück Stadtgeschichte. Es ist jetzt das meistverkaufte Neumünster-Buch

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20. Dezember 2014, 07:30 Uhr

Das Buch „Als unser Leben Kleinholz war“ ist jetzt das meistverkaufte Neumünster-Buch überhaupt: 27 Jahre nach dem Erscheinen (mit 4000 Stück) hatte der frühere Buchhändler und Verleger Carsten Rathje vor ein paar Wochen 300 Exemplare nachdrucken lassen, die innerhalb von zwei Wochen ausverkauft waren. Nun liegen 300 weitere Bücher in den Buchhandlungen (187 Seiten, 186 Fotos, 29,90 Euro). Carsten Rathje freut sich besonders darüber, dass „viele junge Menschen den Titel kaufen“. Das Interesse an diesem Kapitel der Stadtgeschichte sei sehr groß.

In dem Buch vermitteln der autobiographische Text des Neumünsteraners Helmut Müller (siehe STICHWORT am Ende) und die Schwarz-Weiß-Bilder des früheren Courier-Fotografen Walter Erben die Themen Fliegerangriffe, zerstörte Stadt, Kriegsende, Besatzungsmacht, Hunger und Kälte, Nissenhütten, Wohnungsnot, Heimkehrer, Währungsreform und Wiederaufbau. Der Holsteinische Courier bringt ab heute einige Auszüge aus dem Text und zeigt Bilder dazu.


Versorgung wurde schlechter
Die Neumünsteraner weinten dem Jahre 1943 keine Träne nach. So dunkel, wie die Stadt sich in der Silvesternacht dem Betrachter darbot – wegen der andauernden Gefahr von Luftangriffen bestand schon seit langer Zeit für die Abend- und Nachtstunden ein absolutes Verdunkelungsgebot – war auch die Stimmung der Bevölkerung. Zum Abschluss des Jahres hatte es am 13. Dezember noch einmal einen kleineren Luftangriff gegeben, bei dem zwei Einwohner den Tod fanden. Aber viel schlimmer waren die Hiobsbotschaften von den vielen Fronten dieses unseligsten aller Kriege. Es gab nur noch wenige Familien, die nicht den Tod des Vaters, eines Sohnes, eines Bruders oder eines sonstigen nahen Verwandten zu beklagen hatten. Dazu kam die große Zahl der Frauen und Kinder, die an der sogenannten Heimatfront Opfer des immer gnadenloser werdenden Bombenkrieges geworden waren. Die erschreckenden Berichte der aus Hamburg und Kiel evakuierten Menschen, die in unserer Stadt notdürftig Unterkunft gefunden hatten und deren Versorgung mit den elementarsten Dingen des täglichen Lebens immer größere Schwierigkeiten bereitete, taten ein übriges. Daneben hatte sich die allgemeine Versorgungslage erheblich verschlechtert. Die Belieferung mit Kohle für den Hausbrand erwies sich als völlig unzureichend. Mancher Winterabend wurde von den Familien, angetan mit Wintermänteln und Schals oder aber auch in Wolldecken gehüllt, im kalten Wohnzimmer verbracht. Dringend benötigtes Schuhwerk und Textilien waren nicht zu haben. Selbst die glücklichen Besitzer entsprechender Bezugsscheine wurden in den wenigen noch geöffneten Geschäften mangels Masse abgewiesen.


Rekrutierung zum Volkssturm
Im Sommer 1944 erfolgte als einer der letzten Verzweiflungsakte eines dem Untergang geweihten Regimes die Aufstellung des Volkssturms. Alle noch nicht oder nicht mehr wehrfähigen Männer wurden – wie überall im Reich so auch in Neumünster – zum Dienst im Volkssturm verpflichtet. Waffen standen dafür – außer einigen Panzerfäusten – nicht zur Verfügung. Statt dessen gab es flammende Appelle, die Heimat bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen. Die praktische Unterweisung dazu gipfelte in der Empfehlung, beim Anmarsch feindlicher Truppen die Ausfallstraßen Neumünsters mit Nägeln zu bestreuen, um so die Pneus der gegnerischen Fahrzeuge zum Platzen zu bringen. Bei diesem verwegenen Vorschlag unterdrückten die braun uniformierten Ratgeber mannhaft die Tatsache, daß im Deutschland des Jahres 1944 neben allen anderen Gebrauchsgütern auch keine Nägel aufzutreiben waren.

Stichwort

Helmut Müller wurde 1930 in Neumünster geboren und verbrachte sein ganzes Leben hier. Er war Schriftsetzerlehrling beim Courier und leitete später viele Jahre die örtliche AOK. Besonders in der Kommunalpolitik hat Helmut Müller viele Spuren  hinterlassen: Von 1969 bis 1977 war er Vorsitzender der SPD-Rathausfraktion. Seiner Persönlichkeit und seinem politischen Stil entsprach es, über die Parteigrenzen hinweg immer das Wohl der Stadt und ihrer Menschen im Blick zu haben. Er starb 1996 viel zu früh, kaum im Ruhestand.

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