Anlaufstelle : Hilfe und Anerkennung für misshandelte Heimkinder

Britta Tölch (von links) und Antje Christiansen sind die Ansprechpartnern in der gestern von Sozialministerin Kristin Alheit vorgestellten Beratungsstelle.
Foto:
Britta Tölch (von links) und Antje Christiansen sind die Ansprechpartnern in der gestern von Sozialministerin Kristin Alheit vorgestellten Beratungsstelle.

Sozialministerin Kristin Alheit eröffnete die im Landesamt für soziale Dienste angesiedelte Beratungseinrichtung

von
30. März 2017, 08:30 Uhr

Neumünster | Menschen, die als Kinder und Jugendliche in Heimen der Behindertenhilfe oder Psychiatrie Unrecht und Leid erfuhren, haben jetzt in Neumünster eine Anlauf- und Beratungsstelle der bundesweiten Stiftung „Anerkennung und Hilfe“. Sozialministerin Kristin Alheit eröffnete sie gestern offiziell im Landesamt für soziale Dienste an der Steinmetzstraße.

Die Stiftung wird von Bund, Ländern und Kirchen getragen und soll dazu beitragen, das Unrecht öffentlich anzuerkennen, aufzuarbeiten und auch Unterstützungsleistungen zu gewähren. Die Pädagogin Britta Tölch und die Sozialarbeiterin Antje Christiansen sind dafür extra eingestellt worden. 50 Anfragen liegen schon auf dem Tisch, und die ersten Beratungsgespräche sind geführt.

Was die ehemaligen Heimkinder Tölch und Christiansen schilderten, ist ein Katalog des Grauens: Übergriffe, auch sexuelle, kalte Abduschungen, der Entzug von Nahrung, Insulin-Schocks bei Medikamentenversuchen. „Einige haben hier gesessen und geweint, weil all das alles plötzlich wieder da war“, sagte Antje Christiansen. Die Anerkennung, dass ihnen Unrecht geschehen ist, sei den Betroffenen sehr wichtig.

Die Stiftung will das Unrecht wissenschaftlich aufarbeiten lassen und gewährt pauschale Unterstützungsleistungen von 9000 Euro sowie weitere Einmalbeiträge für entgangene Rentenansprüche. Die Gewährung der Hilfen wird individuell geprüft und entschieden. „Wir benötigen dafür keine medizinischen Akten. Die Betroffenen sollen sich nicht seelisch ausziehen müssen“, so Britta Tölch.

„Für mich ist das ein wichtiger Meilenstein in der Aufarbeitung, kein Schlussstrich“, sagte Sozialministerin Kristin Alheit. Das seien alles schlimme Schicksale. „Dass wir hingucken, zuhören, uns beschäftigen, ist ein Stück weit der Versuch, Anerkennung und Gerechtigkeit herzustellen“, sagte die Ministerin und kündigte einen regionalen Beirat an. Er soll sich am 6. April konstituieren. Eingeladen sind ehemalige Betroffene, Vertreter der Kirchen, der Politik, aus Wissenschaft, des Landesamts und des Sozialministeriums.

Vertreter von Opferverbänden sehen sich nicht auf Augenhöhe behandelt und äußerten Kritik. Eckard Kowalke, Vorsitzender des Vereins ehemaliger Heimkinder in Schleswig-Holstein, sprach von einer Mogelpackung. „9000 Euro für ein zerstörtes Leben“ seien nicht genug. Die Politik erteile sich selbst Absolution.

Ministerin Kristin Alheit entgegnete, sie könne den Frust wegen der Deckelung und Pauschalierung der Unterstützung verstehen. Das berge immer eine Ungerechtigkeit im Einzelfall. Man müsse auch aufklären, inwieweit mit Heimkindern Medikamentenversuche gemacht wurden. „Dieser Prozess läuft jetzt“, so Alheit.

zur Startseite

Kommentare

Leserkommentare anzeigen