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Belle Epoque : Hier tanzten Generationen von Neumünsteranern

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Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Das „New Belle Epoque“ an der Christianstraße hatte viele Namen in seiner bewegten Geschichte / Als Kaufhauslager von Karstadt fing es 1903 an

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erstellt am 13.Aug.2017 | 09:00 Uhr

Neumünster | Das Gästebuch des „Belle Epoque“ ziert illustre Namen: „Hier waren sie alle – von Jürgen Drews über Wolfgang Petry bis Andrea Berg“, sagt Klaus Leschkus. Ihm gehört das Haus an der Christianstraße 78-82, das eine lange Geschichte seit 1903 hat – nicht nur als Diskothek.

Das zeigt die Original-Schanklizenz von 1931 für den Cafébesitzer Gustav Reimers. Magrit und Wilfried Rähse fanden das Dokument, alte Fotos und Bauzeichnungen vom Umbau des „Café Reimers“ Anfang der 1920er-Jahre im Nachlass ihres Vaters Helmut G. Bötel. Der war Leiter der Teppich- und Gardinenabteilung bei Karstadt, und das erklärt vielleicht, warum ihn die Geschichte der Christianstraße 78-82 interessierte: Das war nämlich ursprünglich und bis 1920 das – sogar reichsweit erste – Lagerhaus von Karstadt. Das 1891 eröffnete Kaufhaus selbst hatte damals noch am Kuhberg 35 seinen Sitz.

Den Ursprung als Lagerhaus kann man an der Christianstraße trotz der wilhelminischen Fassade noch heute erkennen. „Das Haus hat keine tragenden Wände, sondern ruht auf einer Stahlsäulenkonstruktion“, sagt Klaus Leschkus. Auf alten Zeichnungen und Fotos kann man am Schmucktürmchen über dem Mitteleingang die Initialen „R.K.“ erkennen. Sie stehen für den Kaufhaus-Gründer Rudolph Karstadt. Den Ziergiebel gibt es nicht mehr. Er fiel anscheinend nicht wie ein Teil des Gebäudes den Fliegerbomben im Zweiten Weltkrieg zum Opfer, sondern wurde erst nach dem Krieg abgerissen.

Da hieß das „Café Reimers“ schon „Arkadia“ und war nicht nur ein Tanzlokal, sondern auch ein Varietétheater mit Trapez-Shows, weiß Klaus Leschkus zu berichten. Später war die Lokalität dann unter Ernst Spars und dann dessen Sohn Horst Spars als „Oberbayern“ ein Begriff. Eigentümer war Reimers, Hauptpächter die Liechen-Brauerei (heute: Tucher).

„Das lief damals mit Livemusik, wurde dann aber zur Diskothek umgebaut und hieß für einige Zeit ab 1975 ,Disco Dancing Oberbayern’“, sagt Horst Spars. 1978 änderte er das Konzept und den Namen: Das „MOT – Music on Top“ war geboren. 1987 schloss Spars das MOT; ein Jahr lang hieß die Disko „Bittersüß“, war dann ganz zu und feierte im Mai 1990 als „Belle Epoque“ ihre Wiederauferstehung.

Klaus Leschkus ist seitdem dabei, zuerst als Pächter unter Horst Spars. Später kaufte er ihm das Haus ab. Von 2007 bis 2010 hatte ein Pächter unter dem Namen „Cuba Club“ ein wenig erfolgreiches Intermezzo. Vor zwei Jahren schloss Klaus Leschkus dann den Diskothekenbetrieb. Das „New Belle Epoque“ ist aber immer noch für Veranstaltungen buchbar. Die SPD etwa feiert hier regelmäßig ihre Wahlpartys.

Definitiv haben in diesem Gebäude mehrere Generationen von Neumünsteranern getanzt. Das Gebäude war in der Zeit nach Karstadt aber nie nur Café, Tanzlokal oder Disko, sondern immer auch Wohn- und Geschäftshaus. Auch heute noch gibt es im Obergeschoss zwölf Wohnungen und ebenerdig vier Geschäfte vom Fahrradladen bis zur Gaststätte Vicelin-Stuben. In Erinnerung wird es den Neumünsteranern wohl vor allem als Tanzlokal bleiben. „Hier wurden viele Ehen geschlossen – und auch wieder geschieden“, sagt Horst Spars.

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