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Jahrhundertflut : „Hier kommst du nicht mehr raus“

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Neumünsteraner Manfred Frenzel war als Unteroffizier der Bundeswehr bei der Jahrhundertflut in Hamburg 1962 dabei. Er erinnert sich an die schlimme Zeit

Neumünster | Wenn Manfred Frenzel aus Gadeland sich an die Jahrhundertflut in Hamburg erinnert, wird er nachdenklich: „Es war eine schlimme Zeit damals“, sagt der 76-Jährige, der als 21-jähriger Unteroffizier der Bundeswehr bei den Rettungsaktionen im Einsatz war. Heute jährt sich die Jahrhundertflut, bei der 315 Menschen starben, zum 55. Mal.

Am Sonnabend, 17. Februar 1962, war Frenzel abends daheim in Neumünster mit Freunden in der Tonhalle, einem Tanzlokal. Frenzel erinnert sich: „Draußen war es bereits stürmisch, und wir hörten so zwischen 20  und 22 Uhr, dass der Veranstalter der Tonhalle nicht aus Hamburg herkommen konnte. Aber dass alles überschwemmt war und man weder raus noch rein kam, haben wir erst am nächsten Morgen im Radio erfahren.“ Dort hörte Frenzel auch, dass alle Bundeswehrangehörigen sich bei ihrem Standort melden sollten.

So machte sich Frenzel am Sonntagmorgen um 5 Uhr mit dem Auto auf zu seiner Kaserne in Buxtehude. Frenzel: „Vor Schnelsen stieß ich auf die erste Polizeisperre. Dort ließ man mich weiter, weil ich ja zur Kaserne musste. Kurz vor Hamburg war aber kein Durchkommen mehr. Alles war überschwemmt.“ Die Umleitung führte ihn über Lauenburg, wo die einzige noch offene Brücke über die Elbe führte. In der Kaserne angekommen, begrüßte der Wachtposten Frenzel: „Jetzt bist du drin – hier kommst du nicht mehr raus.“ Denn für die Helfer begann ein atemloser Einsatz. In den ersten Tagen der Katastrophe hatten 25000 Angehörige von Bundeswehr, ausländischen Streitkräften, DRK, THW und anderen Organisationen neben Polizei und Feuerwehr Hilfe geleistet, zusammen mit nichtorganisierten Freiwilligen.

Als Mitglied des Stabes einer Panzerdivision war Frenzel für die Koordination der Rettungsaktionen zuständig. Dafür zog er weiter nach Stade. Er stand die meiste Zeit vor einer Karte vom Elbegebiet und musste darauf einzeichnen, wo überall der Deich gebrochen war. An 60 Stellen geschah das. 12000 Hektar wurden von 220 Millionen Kubikmetern Wasser überflutet. „Laufend kamen über Telefon Meldungen rein: von ertrunkenen Tieren, Schweinen, Kühen – und auch Menschen, die gerettet werden mussten. Ich zeichnete und konnte gleichzeitig nicht glauben, was ich hörte. Ich hatte nur immer gedacht: Mein Gott, die armen Menschen da draußen. Und dass wir nicht alle retten konnten.“

Bis zum Montagmorgen arbeitete Frenzel durch. Dann war das Heftigste überstanden. Er wurde völlig erschöpft abgelöst und konnte eine erste Pause machen. Schlafen konnte er nicht, denn jetzt kamen die Gedanken hoch, für die in der bisherigen Hektik kaum Zeit gewesen war: an den übermenschlichen Einsatz der Helfer. Und an die Opfer. Mehr als 20000 Menschen mussten für längere Zeit evakuiert werden. 42 massive Wohngebäude wurden total zerstört, tausende beschädigt. Tausende Rinder, Schweine und andere Tiere starben.

 Nach etwa einer Woche hatte sich die Lage wieder so weit beruhigt, dass Manfred Frenzels Arbeit in Stade beendet war und er in seine Kaserne zurückkehren konnte. Aber vergessen hat er diese Zeit nie.

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erstellt am 17.Feb.2017 | 08:17 Uhr

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