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Mensch des Jahres : Helfer für Täter und Opfer

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Dirk Kleinschmidt führt Strafgefangene wieder ins geregelte Leben und bewahrt Jugendliche vor dem Knast.

Neumünster | Ins Gefängnis geht eigentlich niemand freiwillig gerne. Dirk Kleinschmidt ist eine Ausnahme. Seit 13 Jahren engagiert sich der 58-Jährige Verwaltungsangestellte in der Strafgefangenenhilfe. Mindestens einmal die Woche besucht er die Justizvollzugsanstalt an der Boostedter Straße und bringt den Menschen hinter Gittern ein Stück Normalität von außen. Er ist neutraler und unabhängiger Berater, manchmal auch Puffer und Blitzableiter und hilft bei der Wiedereingliederung nach der Haftzeit in die Gesellschaft.

„Es klingt abgedroschen, aber es ist wahr: Die Hilfe für den Täter ist gleichzeitig Opferschutz“, sagt Kleinschmidt. Wer sozialisiert werde, stelle nach der Entlassung in der Regel nichts mehr an. „Mein Ziel ist es, die Menschen wieder auf die richtige Bahn zu lenken, damit sie nie wieder straffällig werden.“ Jeder habe eine zweite Chance verdient, ist sich der verheiratete Tungendorfer sicher.

Seine Gesprächspartner in der JVA sind allesamt Männer (verurteilte Frauen sitzen ausschließlich in Lübeck ein). Sie sind rechtskräftig verurteilt – wegen Totschlags, Betruges, Hehlerei oder Drogenhandels. Angst habe er dennoch nicht, nie gehabt, sagt Kleinschmidt. Im Notfall gibt es einen Alarmknopf, in Gruppengesprächen mit acht bis zehn Teilnehmern, wie er sie hauptsächlich führt, sind immer auch andere Häftlinge dabei. Als er das erste Mal vor den vergitterten Türen stand und um Einlass bat, sei ihm ein wenig mulmig gewesen, gibt er zu. Mittlerweile aber ist er routiniert. Außerdem gibt es klare Regeln: Keine Telefonnummern, keine Adressen, keine Angaben über Arbeitsort oder Freizeitaufenthalt. Und: Der Kontakt kann jederzeit von beiden Seiten abgebrochen werden.

Trotz der vielen Jahre ist Kleinschmidt noch hoch motiviert. „Es ist das komplette Kontrastprogramm zu meinem Bürojob am Schreibtisch und trotzdem ein Ausgleich, der mir viel Spaß macht.“ So viel Spaß, dass er sich bereits 2006 auch zur Sucht- und Präventionskraft ausbilden ließ, um vor allem Jugendliche und junge Erwachsene vor Straftaten und damit einem Gefängnisaufenthalt zu schützen. Mittlerweile hält er nicht nur Vorträge in Schulen, Kitas oder Kirchengemeinden, sondern leitet auch zwei Selbsthilfegruppen: montags bei der Suchtberatungsstelle in der alten Tuchfabrik am Großflecken, dienstags bei der Awo am Haart 15. „Young Generation“ heißt die Gruppe dort, zu der überwiegend Alkohol- und Drogenabhängige kommen. Einige werden direkt vom Gericht zu ihm geschickt, denn mittlerweile hat der Tungendorfer ein gutes Netzwerk zur Justiz aufgebaut.

An das ungewöhnliche Hobby kam er übrigens vor 13 Jahren über eine Zeitungsannonce der Stadtmission in Kiel. „Ich wollte mich schon länger ehrenamtlich engagieren. Diese Stelle hinter Gittern hatte nicht nur einen besonderen Reiz, sondern schien mir auch besonderes sinnvoll zu sein.“

Anfang des Jahres erhielt der begeisterte Radfahrer von Ministerpräsident Torsten Albig die Ehrennadel des Landes.

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erstellt am 10.Nov.2014 | 06:30 Uhr

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