Neumünster : Heftiger Streit: Zu viele Ärzte oder zu wenige?

AOK und Mediziner vertreten unterschiedliche Auffassungen

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20. Mai 2011, 07:35 Uhr

Neumünster | Wie gut ist die ärztliche Versorgung in Schleswig-Holstein und speziell in Neumünster? Die Einschätzungen liegen weit auseinander. Die Allgemeine Orts-Krankenkasse (AOK) geht von einer "Überversorgung in nahezu allen Regionen des Landes" aus. Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) widerspricht. Jörg Schulz-Ehlbeck, Internist am Großflecken und Leiter der KV-Kreisstelle Neumünster, erkennt heute schon ein Defizit bei den Nervenärzten und sieht bereits für die nahe Zukunft schwarze Wolken auf die Stadt zukommen.

Nicht einmal bei den nackten Zahlen herrscht Einvernehmen. So zählt die AOK Nordwest 53 Hausärzte für Neumünster mit seinen 77 000 Einwohnern - das wären sieben Stellen über dem Soll von 46. Schulz-Ehlbeck geht dagegen nur von 46 vollen und zwei halben Planstellen aus. Wörtlich sagt er: "Die Zahlen der AOK sind falsch."

Er erinnert etwa daran, dass die Stadt gerade in den letzten beiden Jahren zwei Hausärztestellen an den Nachbarkreis verloren hat. Neumünster und Rendsburg-Eckernförde bilden nämlich einen gemeinsamen Planungsbereich. Neu-Ausschreibungen laufen immer in dieser Großregion - selbst wenn der "Ersatz" für die Praxis in Neumünsters Innenstadt in Nortorf oder Eckernförde zu finden ist.

Im Übrigen hält Schulz-Ehlbeck nicht viel von den Soll-Zahlen. Seit Beginn der 90er-Jahre, als das Gerüst für diesen Plan errichtet wurde, habe die Medizin große Fortschritte gemacht. Die Gesellschaft sei in 20 Jahren älter und folglich auch krankheitsanfälliger geworden. Es gebe somit erhöhten medizinischen Bedarf, der bei der AOK-Architektur kaum Berücksichtigung finde. Und schließlich komme mancher Patient der städtischen Praxen aus dem Umland.

"Wir sind zurzeit noch gut aufgestellt", erklärt Neumünsters KV-Sprecher. Doch das Nachwuchsproblem birgt nach seinen Worten riesige Probleme, weil etliche Hausärzte aus Altersgründen in den nächsten Jahren ihre Praxis abgeben werden. Schon sehr bald könne es passieren, dass die Menschen in ihrem Stadtteil ohne Hausarzt auskommen müssen. Und schon heute gibt es laut Schulz-Ehlbeck eine große Lücke bei Neurologen und Psychiatern: "Da fängt der Ärztemangel heute bereits an."

Die AOK-Statistik führt aus, dass landesweit die Zahl der Vertragsärzte seit 1993 von 3750 auf 4400 gestiegen ist. Und kamen damals auf 100 000 Einwohner 141 Ärzte, ist heute mit 155 Medizinern ein "neuer Höchststand" erreicht worden. Zugleich sei die Gesamtvergütung allein seit 2005 um fast ein Viertel auf aktuell 1,1 Milliarden Euro gestiegen. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, dass die AOK von der Politik Landesmittel für die künftige ärztliche Versorgung einfordert: "Wer Einfluss nehmen will, muss sich an der Finanzierung beteiligen."

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