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Haftpflichtversicherung : Hebamme – „bald nur noch ein teures Hobby“

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Bisher war die Haftpflichtversicherung für Hebammen nur sehr teuer. Ab 2015 will sie jetzt sogar keiner mehr versichern. Das hätte Folgen – auch für Neumünster.

Es ist Franciska Lunows Traumjob: Sie arbeitet als Hebamme in Neumünster. Doch wie lange sie ihren Beruf noch ausüben kann, ist fraglich – des Geldes wegen. „Bald könnte mein Beruf für mich und meine Kolleginnen zum teuren Hobby werden“, sagt Lunow. Schwangere aus Neumünster müssten dann auf die Betreuung nach der Geburt verzichten.

Der Hintergrund: Sieben von neun Hebammen in Neumünster arbeiten – zumindest teilweise – freiberuflich. Deshalb brauchen sie eine Berufshaftpflichtversicherung. Das Problem: Kaum jemand will Hebammen noch versichern. Die Nürnberger Versicherung hat jüngst angekündigt, sich bis spätestens Juli 2015 aus dem Geschäft zurückzuziehen – und das bei Jahresprämien, die mittlerweile bei 5000 Euro liegen. Aber warum verzichten Unternehmen freiwillig auf ein Geschäft? Der Gesamtverband der Versicherungswirtschaft (GDV) erklärt: „Die Kosten für Geburtsschäden infolge von Behandlungsfehlern sind in den vergangenen Jahren massiv gestiegen.“ Daher sei es für die Versicherer immer schwieriger, eine Haftpflichtversicherung zu bezahlbaren Preisen anzubieten.

Bisher habe sich noch keine Versicherung bereit erklärt, die Hebammen ab 2015 weiter zu versichern, erklärt Bärbel Noack-Stürck. Die Großharrierin ist zweite Vorsitzende des Hebammenverbands Schleswig-Holstein. Sie warnt vor den Konsequenzen: „Freiberufliche Hebammen hätten ohne Haftpflichtversicherung faktisch ein Berufsverbot.“ Dabei werden sie dringend gebraucht. „Die Mütter verlassen heute meistens drei Tage nach der Geburt die Klinik“, so Noack-Stürck. Deshalb werden sie anfangs täglich von einer Hebamme zu Hause betreut. Das sei dann nicht mehr möglich, obwohl diese Aufgabe immer wichtiger werde: „Viele junge Eltern haben keine Geschwister. Sie halten oft zum ersten Mal in ihrem Leben einen Säugling im Arm. Da müssen wir erstmal die Elternkompetenz schulen“, erklärt die Hebamme. Auch Vorbereitungs- und Rückbildungskurse müssten gestrichen werden. Franciska Lunow bietet die schon lange nicht mehr an – wegen der unlukrativen Bezahlung. 6,42 Euro brutto pro Stunde pro Frau bekommt sie von den Krankenkassen. „Da lohnt es sich nicht, eine Raummiete zu zahlen.“ Bei 895 Geburten im Jahr bieten nur noch vier Neumünsteraner Hebammen Vorbereitungs- und Rückbildungskurse an. Das Angebot ist knapp, weiß auch die schwangere Tanja Schütt: „Ich rechne damit, dass ich mich im Umland oder vielleicht sogar in Kiel für einen Rückbildungskurs anmelden muss.“

Doch was kann zur Verbesserung der Situation getan werden? Der Deutsche Hebammenverband fordert eine grundlegende Neustrukturierung der Haftpflichtversicherung mit einer Haftungsobergrenze für Hebammen. „Lösen kann das dieses Mal nur die Bundespolitik“, ist sich Bärbel Noack-Stürck sicher. Es sei ein nationales Problem.

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erstellt am 20.Feb.2014 | 17:00 Uhr

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