Armutsprävention in Neumünster : Hausbesuche bei allen jungen Eltern

Untersuchung im Kreißsaal des FEK: Hebammen wie Karin Laatsch vertrauen die werdenden Mütter oft auch soziale und finanzielle Probleme an.
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Untersuchung im Kreißsaal des FEK: Hebammen wie Karin Laatsch vertrauen die werdenden Mütter oft auch soziale und finanzielle Probleme an.

Um der wachsenden Armut zu begegnen, sollen Familien mit Neugeborenen über Hilfen informiert werden / Sozialmedizinisches Zentrum am FEK

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04. November 2017, 07:11 Uhr

Neumünster | An den Wohnungstüren von Eltern mit Neugeborenen könnten schon bald Sozialpädagogen mit einem „Willkommens-Begrüßungsschreiben“ des Oberbürgermeisters klingeln und über Hilfsangebote informieren. Das ist einer der vielen Vorschläge und Ideen im neuen „Handlungskonzept Armut“ der Stadt. Auf 60 Seiten sind dort Maßnahmen aufgelistet, um der wachsenden Armut in Neumünster wirksam zu begegnen. Ein Schwerpunkt liegt dabei auf Kindern und Familien.

„Wir bekommen als erste mit, wenn bei frischgebackenen Eltern etwas nicht stimmt. Den Geburtshelfern wird Vertrauen geschenkt. Da hören wir dann schon mal Aussagen wie ‚Wie soll ich das mit dem Kind bloß schaffen?‘. Außerdem sehen wir zum Beispiel, wenn Mütter sich ritzen oder geschlagen werden“, sagt Dr. Ivo Markus Heer, Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Frauenklinik des Friedrich-Ebert-Krankenhauses (FEK). Ihm liegt das Thema sehr am Herzen. Er hat am Handlungskonzept mitgearbeitet und weitere tiefgreifende Vorschläge gemacht. Dazu gehört das „Willkommenspaket Strampelnest“ mit Informationsmaterial rund um das Baby und zu den frühen Hilfen, das Mütter direkt nach der Entbindung erhalten sollen. Dazu gehört auch eine neue angestellte Hebamme für die Wochenbettversorgung am FEK. Denn: Vielen Frauen kann schon seit längerer Zeit keine Hebamme für eine nachgeburtliche Versorgung angeboten werden. „Hier sind wir auf der Suche. Doch Hebammen zu finden ist momentan sehr schwer“, sagt Ivo Markus Heer. Die rund 36 000 Euro pro Jahr für die Vollzeitstelle würde das Krankenhaus an der Friesenstraße übernehmen.

Größter Punkt aber ist die Idee eines neuen Sozialmedizinischen Zentrums. Die Klinik könnte nach den Vorstellungen des Chefarztes Anlaufpunkt für Familien aus ganz Schleswig-Holstein werden. „Wir liegen hier zentraler als Kiel oder Lübeck.“. In dem Zentrum sollen Ärzte, Psychologen, Logopäden, Therapeuten und Sozialarbeiter zusammenarbeiten und präventiv „ein gesundes und förderliches Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen von Anfang an“ ermöglichen, wie es im Handlungskonzept heißt. Ivo Markus Heer erklärt: „Wir stellen fest, dass eine bedeutende Anzahl der bei uns behandelten Kinder und Familien – insbesondere in der Kinder- und Frauenklinik – Auffälligkeiten zeigen und einen sozialen Unterstützungsbedarf über die Akutmedizin hinaus haben. Die Fallzahlen steigen.“ Nach Einschätzung der Hebammen der Geburtsklinik benötigen mittlerweile mehr als zehn Prozent der frischgebackenen Mütter Hilfe. In einem Sozialmedizinischen Zentrum sollen sich alle Mitarbeiter im Rahmen der Akutbehandlung auch den Folgen von Arbeitslosigkeit, Armut, Delinquenz und Überschuldung annehmen. „Sie leisten damit einen bedeutenden präventiven Beitrag“, betont der Ärztliche Direktor.

Alle Maßnahmen kosten Geld. Für Ivo Markus Heer ist es daher wichtig, nun vor allem die Politik davon zu überzeugen, dass die Ausgaben sinnvoll sind. „Wir sehen eine volkswirtschaftliche Notwendigkeit, diesen Familien Hilfe anzubieten. Denn es ist günstiger, das Geld frühzeitig zu investieren, als später die Folgen einer Katastrophe zu beseitigen.“ Außerdem ist der Chefarzt überzeugt: „Es ist auch für uns absolut befriedigend und eine echte Prävention, wenn wir Angebote machen können. So können wir gleich zur Geburt eine Perspektive für ein Leben mit weniger Kollisionen schaffen.“

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