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Ärzte in Neumünster : Hausarztmangel erreicht Neumünster

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Zwei Praxen in der Innenstadt sind weggefallen. FEK fordert dauerbesetzte Notfallpraxis.

Neumünster | Die Lage für Hausarzt-Patienten spitzt sich nach dem Wegfall von zwei Allgemeinarzt-Praxen in der Innenstadt weiter zu. „Wir merken das durch einen deutlichen Anstieg der Zahlen in unserer Notaufnahme“, sagt der Ärztliche Direktor des Friedrich-Ebert-Krankenhauses, Dr. Ivo Heer. Die Kassenärztliche Vereinigung beschwichtigt. Niemand müsse auf einen Hausarzt verzichten. „Mindestens die Hälfte der 35 Praxen nehmen noch neue Patienten“, sagt der Kreisstellenvorsitzende Jörg Schulz-Ehlbeck.

Er könne verstehen, dass die Situation im Moment für einige Neumünsteraner unangenehm ist. „Aber nach zwei, drei Telefonaten findet sich eine Praxis, die noch aufnimmt. Chaos gibt es nicht“, sagt der Mediziner. Er räumt allerdings ein, dass viele Kollegen am Rande des Möglichen arbeiteten und sich die Lage mittelfristig ändern könnte, wenn weitere Ärzte in den Ruhestand gehen und keinen Nachfolger finden. „Dann steht die Stadt an der Grenze zur Unterversorgung.“ Der Trend gehe zudem weg vom klassischen Hausarzt mit eigener Praxis „hin zur angestellten Teilzeitärztin. Denn die Medizin wird weiblich“, so Schulz-Ehlbeck. Seien früher Zweidrittel der Studenten männlich und ein Drittel weiblich gewesen, so kehre sich das nun um.

Laut Marco Dethlefsen, Sprecher der KV in Schleswig-Holstein, liegt die Hausarzt-Versorgungsquote im sogenannten Mittelbereich Neumünster, der neben der Stadt auch den alten Kreis Rendsburg umfasst, nach wie vor über der Sollmarke von 110 Prozent. Allerdings mache sich mittlerweile auch in der Stadt der demografische Wandel bemerkbar. Daher arbeite die Vereinigung daran, junge Menschen für den Arztberuf zu begeistern. „Hier tut sich einiges“, sagt Dethlefsen.

Hannes Graeser, Facharzt für Allgemeinmedizin und Vorsitzender des Medizinischen Praxisnetzwerkes Neumünster (MPN), weist darauf hin, dass Arztstellen in gut versorgten Gebieten von der Kassenärztlichen Vereinigung einfach gestrichen werden, wenn sich kein Nachfolger findet. Er plädiert daher für sogenannte Medizinische Versorgungszentren, in denen diese Stellen gebündelt werden. „Darin könnten auch junge Ärzte eine Chance bekommen und sich später dann selbstständig machen“, sagt er.

Für Dr. Ivo Heer nimmt die Lage immer dramatischere Formen an. Er rechnet mit 36 000 Patienten-Kontakten in der Notaufnahme in diesem Jahr. Ursprünglich ausgelegt sei die Abteilung mal für 5000 Kontakte. „Für etwa 70 Prozent der Patienten wäre eine Behandlung im Krankenhaus aber gar nicht nötig“, sagt der Ärztliche Direktor. Sie kämen, weil sich das Anspruchsdenken geändert habe, aber auch, weil sie ihren Hausarzt nicht kontaktieren könnten. Damit werde der Klinik-Haushalt belastet. „Ein Patient kostet uns im Schnitt 110 Euro, bringt aber nur 30 Euro ein.“

Ivo Heer hat eine klare Forderung: „Wir brauchen eine Notfallpraxis, die 365 Tage im Jahr rund um die Uhr geöffnet hat.“

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