Schöffengericht Neumünster : Harakiri-Flucht über die Autobahn

Ein rücksichtsloser Autobahnraser muss für dreieinhalb Jahre ins Gefängnis. Einige Unfallopfer leiden bis heute.

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05. Juni 2019, 17:11 Uhr

Das war selbst der erfahrenen Richterin zu viel: „Eine Tür aufhebeln ist eine Sache“, sagte  die Richterin mit Blick auf den mitangeklagten Einbruchdiebstahl, „aber das hier ist wirklich eine andere Nummer“,  ging sie  den Angeklagten    an: „Ist Ihnen eigentlich klar, dass es nur durch viel Glück nicht zu Toten gekommen ist?“

Polizei-Video schockt selbst die Juristen

Knapp sechs Minuten dauerte das Video der Autobahn-Polizei, das im Großen Saal des Amtsgerichts Neumünster den Prozessbeteilten den Atem stocken ließ. Aufgenommen aus einem  Streifenwagen am Abend des 8. Februar 2019 bei Geschwindigkeiten bis 200 Stundenkilometern, zeigte es die  haarsträubende und  rücksichtlose Flucht eines 49-jährigen Audi-Fahrers, der bei seiner  Harakiri-Fahrt über die Autobahn  drei Unfälle mit sieben Verletzten   provozierte und weitere Menschenleben aufs Spiel setzte, bevor die Polizei ihn in Hamburg-Schnelsen endlich stoppen konnte.

Begonnen hatte die dramatische Flucht bei Neumünster. Dort war der  unbeleuchtete Wagen des 49-jährigen einer Autobahnstreife aufgefallen. Eine Routineabfrage des NMS-Kennzeichens ergab, dass der Fahrer gesucht wurde – was der Fahrer selbst   zu diesem Zeitpunkt  allerdings nicht wusste: Er wollte vielmehr vermeiden, unter  Alkohol und Drogen  aber ohne Führerschein  am Steuer erwischt zu werden.

Illegale Straßenrennen - wie hier bei Köln -  haben in den vergangenen Jahren mehrere Todesopfer gefordert. Als Konsequenz verschärfte der Gesetzgeber das Strafrecht. Die neue Rechtsvorschrift trifft aber auch Raser, die alleine unterwegs sind - wie jetzt den Autbahnraser von Neumünster.
Peter Wüst
Illegale Straßenrennen - wie hier bei Köln - haben in den vergangenen Jahren mehrere Todesopfer gefordert. Als Konsequenz verschärfte der Gesetzgeber das Strafrecht. Die neue Rechtsvorschrift trifft aber auch Raser, die alleine unterwegs sind - wie jetzt den Autbahnraser von Neumünster.
 

 Die Streife  setzte sich vor den Wagen und forderte ihn bei Bad Bramstedt auf , ihr in die Ausfahrt zu folgen. Der Fahrer folgte zunächst,  bis die Streife  abgebogen war. Dann gab er Gas, wechselte nach links zurück auf die  Autobahn und raste davon.

 Die Streife kehrte um, nahm die Verfolgung auf und rief Verstärkung. Während einer  halsbrecherischen Flucht  überholte der Audifahrer mal links mal rechts, nötigte der Polizei  zufolge  dutzende  Fahrer zum Ausweichen und provozierte immer wieder gefährliche Beinahe-Zusammenstöße. 

 Den ersten echten Crash  gab es in Höhe Schmalfeld, als er  in voller Fahrt einen VW rammte.

Minuten später  krachte er bei Kaltenkirchen auf einen  vollbesetzte Pkw, der vor der Polizei auf den Seitenstreifen  ausgewichen war. Dessen Fahrer hatte  im Rückspiegel zwar das Blaulicht des  Streifenwagens gesehen, nicht aber den unbeleuchteten Audi, der ihn noch weiter rechts überholen wollte.

Zeuge bricht vor Gericht in Tränen aus

„Ich sah nur einen Schatten, dann krachte es  furchtbar“, sagte der 62-jährige Fahrer und brach vor Gericht in Tränen aus: Seine  Schwiegertochter saß mit ihren    fünf Jahre und drei Monate alten Kindern auf dem Rücksitz. Seine   Enkelin habe bis heute  Angst vor dem  Autofahren.

Auch dieser  Unfall konnte den Audifahrer nicht stoppen. Er verlor zwar diverse Autoteile, raste aber unverdrossen weiter, erinnerte sich eine Polizistin, die im verfolgenden Streifenwagen gesessen hatte. Auch  mehrere Versuche den  rasenden Fahrer zwischen Polizeiwagen und Leitplanke einzuklemmen, schlugen fehl.

Inzwischen war zwar die halbe Autobahnpolizei zwischen Hamburg und Neumünster hinter dem Audi her, aufgeben kam für den Flüchtenden aber offenbar nicht mehr in Frage: In Hamburg-Schnelsen  fuhr er von der Autobahn ab, raste auf der Gegenfahrbahn der Oldesloer Straße  über eine  rote Ampel und knallte frontal auf einen Porsche. Die Wucht des Aufpralls schleuderte seinen Wagen  vor einen Baum. Der Fahrer stieg aus und wollte zu Fuß flüchten.  Vier  Beamten gelang es schließlich, den wild um sich tretenden  Mann zu bändigen. 

Die Rücksichtslosigkeit und kriminelle Energie, die der Angeklagte bei seiner Harakiri-Flucht an den Tag gelegt hat, verschlägt einem die Sprache. Die Staatsanwältin
 

Der 49-Jährige selbst mochte oder wollte zu der Amokfahrt vor Gericht nur wenig sagen, räumte aber ein,   vor der Fahrt getrunken und  Drogen genommen zu haben. „Ich erlebe mich dann leicht wie im Rausch.“  Er habe die halsbrecherische Fahrt wie ein Videospiel erlebt, in dem er möglichst weit kommen wollte, versuchte seine Verteidigerin  zu erklären.

Die Staatsanwältin hatte dafür wenig Verständnis: Die Rücksichtslosigkeit  und kriminelle Energie, die der Angeklagte  bei seiner Harakiri-Flucht an den Tag gelegt habe, „verschlägt einem fast die Sprache“, fasste sie in ihrem Plädoyer   zusammen.

Das Gericht  sah das ähnlich: Nur um seine  Autofahrt unter Alkohol und ohne Führerschein zu verschleiern, habe der Angeklagte  das Leben zahlreicher Menschen riskiert, hielt die Vorsitzende Richterin dem Mann vor. Das Gericht verurteilte ihn unter anderem wegen gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr  zu dreieinhalb Jahren Gefängnis.

Verbotene  Kraftfahrzeugrennen

Erstmalig hat das Schöffengericht  Neumünster im Prozess gegen den 49-jährigen Autbahn-Rowdy aus Neumünster den neu eingeführten Strafrechtsparagrafen 315d (Verbotene Kraftfahrzeugrennen) angewendet.  Der neue Paragraf stellt seit Oktober 2017 vor allem illegale Straßenrennen unter Strafe, bei denen  in den vergangenen  Jahren bundesweit mehrere Unfallopfer zu Tode gekommen waren. Die neue Regelung im Strafrecht zielt gegen illegale Autorennen,  droht aber auch Autofahrern mit Strafe, die  „mit nicht angepasster Geschwindigkeit“, „grob verkehrswidrig und rücksichtslos“ fahren, „um eine höchstmögliche Geschwindigkeit zu erreichen“. Werden Menschenleben  oder „Sachen von bedeutendem Wert“ gefährdet, droht Gefängnis   bis zu fünf Jahren.

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