„Neue Anfänge nach 1945?“ : „Gutes Gewissen – Erfindung des Teufels“

Zufriedene Gesichter nach dem Vortrag: Pastorin und Supervisorin Anne Reichmann und Pastor Stefan Bemmé stehen vor dem Altar in der Anscharkirche.
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Zufriedene Gesichter nach dem Vortrag: Pastorin und Supervisorin Anne Reichmann und Pastor Stefan Bemmé stehen vor dem Altar in der Anscharkirche.

Ein Vortrag von Pastorin Anne Reichmann beendete die Wanderausstellung in der Anscharkirche. Ihre Thesen fanden großen Zuspruch.

shz.de von
20. Oktober 2016, 08:30 Uhr

Neumünster | „Neue Anfänge nach 1945?“ Dieser Frage ging die Wanderausstellung der Nordkirche vom 1. bis zum 18. Oktober in der Anscharkirche auf den Grund. Zur Finissage am Dienstagabend war die Pastorin und Supervisorin Anne Reichmann aus Hamburg angereist, um in ihrem knapp einstündigen Vortrag über den „Umgang mit Schuld in der Kirche und die transgenerationelle Weitergabe von Kriegserfahrungen aus psychoanalytischer Sicht“ zu sprechen. Hinter dem kompliziert klingenden Titel verbargen sich tiefgreifende Informationen, die Anne Reichmann ihren 20 Gästen gut verständlich näherbrachte.

Zwei Bemerkungen schickte die Theologin vorweg: „Wir sind nicht besser als unsere Väter und Mütter. Es geht nicht darum, über Personen zu richten, sondern um die Auseinandersetzung mit unserer kirchlichen Vergangenheit als Akt der Integration.“ Außerdem sei es eine Illusion, dass die Kirche besser mit Schuld umgehe als andere Institutionen, weil sie die Botschaft von der Vergebung habe.

„Als Menschen kommen wir nicht daran vorbei, anderen auch Schlechtes zuzumuten“, sagte Anne Reichmann. „Es ist unsere vornehmste Aufgabe, dafür die Verantwortung zu übernehmen“, machte sie anhand eines Zitats von Albert Schweitzer deutlich: „Nie dürfen wir abgestumpft werden. Das gute Gewissen ist eine Erfindung des Teufels“.

In der Kirche, das zeigte die Ausstellung, wurde die Auseinandersetzung mit Schuld bis Mitte der 1960er-Jahre aktiv verhindert und dadurch sogar verdoppelt. Wenn eine Generation keine Trauerarbeit leiste, gebe sie das Verleugnete an die nachfolgende Generation weiter. „Es wiederholt sich dort in modifizierter Weise genau das, was ungesagt blieb. Eine destruktive Potenz liegt in jedem von uns. Das ist das Erschütternde. Um eine konstruktive und differenzierte Kultur zu befördern, braucht es Räume, die Ambivalenzen ertragen können. In dieser Sache gibt es viel zu tun in der Kirche, nicht nur im Hinblick auf die Vergangenheit“, so Anne Reichmanns Einschätzung.

Im anschließenden Gespräch in großer Runde erntete die Pastorin viel Zuspruch für ihre Thesen. „Wir sollten das Gute der Kirche in den Vordergrund stellen, sonst hat Kirche keine Zukunft“, widersprach ihr ein Besucher. „Kirche hat eine große Zukunft, wenn sie wahrhaftig bleibt“, entgegnete Anne Reichmann.

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