Historisches Pissoir : Grundstücksgeschäft wird zur Posse

Dauerproblem: Das Baustellen-Schild vor der Bedürfnisanstalt an der Bahnhofstraße bezieht sich auf den Neubau der Holsten-Galerie, könnte aber auch für die mit einem Bauzaun gesperrte Rotunde gelten. Seit 2012 tut sich hier nichts mehr.
Dauerproblem: Das Baustellen-Schild vor der Bedürfnisanstalt an der Bahnhofstraße bezieht sich auf den Neubau der Holsten-Galerie, könnte aber auch für die mit einem Bauzaun gesperrte Rotunde gelten. Seit 2012 tut sich hier nichts mehr.

Die Stadt hat das Pissoir an der Bahnhofstraße doch nicht gekauft / Sie will es nur mit Grundstück erwerben, doch das gibt die Bahn nicht frei

shz.de von
08. Juni 2015, 08:00 Uhr

Neumünster | Ein Immobiliengeschäft geht üblicherweise so, dass der Interessent dem Verkäufer seinen Kaufwillen für ein Objekt signalisiert. Dann setzt man sich zusammen, verhandelt über den Preis und macht, wenn man sich einig ist, einen Vertrag. Wenn Stadt und Bahn verhandeln, ist dieser Ablauf ganz offensichtlich komplizierter, zumindest bei dem denkmalgeschützten Pissoir an der Bahnhofstraße. Das Stück wird langsam zur Provinzposse.

Ute Spieler, Leiterin der Stadtplanung, hat jetzt die Aussage der Bahn dementiert, die Stadt habe die Rotunde bereits gekauft (der Courier berichtete). „Wir wollen nicht nur das Gebäude kaufen, sondern auch das Grundstück, und da ist bei der Bahn nicht klar, wer zuständig ist“, sagt sie. Die mittlerweile dreijährige Posse um das Relikt aus dem 19. Jahrhundert geht in eine neue Runde.

Die Bahnsprecherin Sabine Brunckhorst räumte gegenüber dem Courier ein, die Kommunikation sei bisher „nicht so optimal“ gelaufen. Allerdings habe die Stadt ihr „echtes Kaufinteresse“ auch erst Ende vergangenen Jahres bekundet. „Seit die konkrete Anfrage da ist, läuft bei uns die Maschinerie. Wir sind ein großer Konzern, und bei Verkäufen werden viele Abteilungen beteiligt“, sagt sie. Eine Abteilung hat nämlich Einspruch eingelegt: Die DB Netz will die Brücke über die Bahnhofstraße in den kommenden Jahren sanieren. „Wir brauchen daher das Grundstück mit der Rotunde als Baustellenfläche und würden das Gebäude ohnehin weg nehmen“, erklärt Sabine Brunckhorst. Die Bahn sei auch sofort bereit, die Rotunde an die Stadt zu verkaufen, aber zumindest vorerst ohne Grundstück.

Das lehnt Ute Spieler ab: „Das Objekt gehört an seinen kulturhistorisch angestammten Platz. Und da die Stadt die Fläche dann auch ansprechend und verkehrssicher gestalten will, geht das nicht ohne Grundstück.“ Der Teufel steckt also im Detail. Einig ist man sich bei Bahn und Stadt noch nicht einmal über die Größe der Fläche. Sabine Brunckhorst geht von 25 Quadratmetern aus, Ute Spieler von 40 bis 60. Preisverhandlungen haben noch nicht einmal begonnen.

Fest steht nur: Die Stadt hat die Sanierungskosten geschätzt und im Haushalt eingeplant. Für 60    000 Euro soll die seit 2007 denkmalgeschützte Bedürfnisanstalt von einem Metallbauer grundüberholt werden. Und eines stellt Ute Spieler auch schon mal klar: Die Bahn könne nicht ohne Beteiligung des städtischen Denkmalschutzes die Rotunde einfach für eine Baustelle entfernen. „Da müssen wir schon gefragt werden und unser Einverständnis geben.“

Glosse von Christian Lipovsek:

Bitte erst noch ein paar Gutachten

Es ist ein vermutlich weltweit einzigartiger Fall. Eine Stadt möchte von der Deutschen Bahn AG eine verrostete und stinkende Metallblechhütte mit Pinkelwänden für Männer kaufen. Ach ja, und das Grundstück, auf dem sie steht. Wer kann es da nicht verstehen, dass die Bahn erst einmal Zeit braucht, das alles zu erfassen? Mit ihrer direkten und forschen Art hat die Stadt den Großkonzern rücksichtslos überrumpelt. So einfach geht das in Deutschland nicht! Nötig sind doch Gutachten – über die Bodenqualität, die Gifte in der alten Lackierung und über die Haselmaus, die – wer weiß – auf dem Gelände am Bahndamm wuselt. Und wo kämen wir hin, wenn dann nicht noch eine europaweite Ausschreibung notwendig wäre? Wer weiß, ob es nicht in Bulgarien einen günstigeren Sanierer gibt? Also bitte: Keine Hektik bei dem Thema.

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