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Holsteinischer Courier

22. Oktober 2017 | 09:19 Uhr

Fallada-Preis : Große Kunst und mahnende Worte

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Würdevoller Festakt für den Schweizer Autoren Jonas Lüscher.

shz.de von
erstellt am 11.Mär.2016 | 08:00 Uhr

Neumünster | Einen sprachgewaltigen, humor- und fantasievollen, aber auch politisch mahnenden Schriftsteller lernten die Neumünsteraner am Mittwochabend bei der feierlichen Verleihung des Hans-Fallada-Preises im Theater der Stadthalle kennen. 375 Gäste – unter anderem aus Politik, Kultur, Vereinen und Verbänden – waren gekommen, um gut zwei Stunden lang den 17. Preisträger, den Schweizer Jonas Lüscher (39), zu feiern und sein Werk ein wenig kennenzulernen.

Laudatorin Dr. Sandra Kerschbaumer von der Friedrich-Schiller-Universität in Jena, die auch Mitglied der Jury ist, schlug bei der detaillierten Betrachtung der preisgekrönten Novelle „Frühling der Barbaren“ (2013) immer wieder den Bogen von Jonas Lüschers Werk zum Namensgeber des Preises, Hans Fallada. „Die Sprache könnte unterschiedlicher nicht sein“, erklärte die Literaturwissenschaftlerin. Während Fallada durch seine Einfachheit besticht, fällt in Lüschers ausgezeichnetem Buch die „spielerische Weite der Sätze“ auf. Von der Sprachgewalt des Preisträgers hatten sich die Zuhörer zuvor bereits überzeugen können, als der Kieler Schauspieler Tom Keller die Erzählung „Die Liebe im Einzelnen“ vortrug.

Anders sieht es bei den Inhalten aus: Fallada wie Lüscher „interessieren sich gleichermaßen für Krisen-Szenarien“, so die Laudatorin. In der Novelle „Frühling der Barbaren“ beschreibt der Philosoph und Ethiklehrer aus Bern, der mittlerweile in München lebt, auf 125 Seiten die Auswirkungen der Finanzkrise auf eine Gruppe Londoner Spekulanten, die gerade eine Hochzeit in einem tunesischen Oasenressort feiert. „Er stellt die große Frage, wie eine Gesellschaft eine Krise überstehen soll, wenn es keine geteilten Normen mehr gibt“, erklärte Sandra Kerschbaumer. Ihr Fazit, bevor Oberbürgermeister Dr. Olaf Tauras den mit 10  000 Euro dotierten und von der Dr. Hans-Hoch-Stiftung ermöglichten Preis überreichte: „Das Buch hilft uns, die Welt, in der wir leben, besser zu verstehen.“

In seiner Erwiderung dankte der Autor für die Ehre, die er, weil er sie für sein Erstlingswerk erhielt, ein wenig als „Vorschusslorbeeren“ empfand. Gleichzeitig wurde er zum politischen Mahner: „Fallada zu lesen heißt, sich auf das Individuum zu konzentrieren“, rief er den Zuhörern in Erinnerung. In Bezug auf die aktuelle Flüchtlingsdebatte kritisierte er Politik, Gesellschaft und Medien. „Sie lassen den Menschen oftmals in einer Masse verschwinden“, sagte Lüscher und warnte vor den Folgen.

Für Günter Humpe-Waßmuth war die 17. Fallada-Preisverleihung gleichzeitig ein Abschied. „Demnächst wird die Jury ohne ihn entscheiden müssen. Er hat sich des Preises immer mit viel Enthusiasmus angenommen“, sagte Tauras und dankte dem Jury-Vorsitzenden, Kulturdezernenten und 1. Stadtrat, der in diesem Jahr in den Ruhestand geht.

„Das war ein rundum gelungener Abend“, schwärmten später die Besucher. Besonders beeindruckt waren viele auch von der Pianistin Maria Baptist aus Berlin, die die Feier musikalisch untermalte, sowie von einer Videoarbeit über Hans Fallada von Rika Bergmann und Marie Weigelt von der Fachhochschule in Kiel. Während die Gäste den Abend mit einem gemütlichen Plausch ausklingen ließen, musste der Preisträger noch ordentlich arbeiten: Er war nicht nur am Signiertisch gefragt, sondern stand gerade beim jüngeren Publikum auch bereitwillig für manches Handy-Selfie parat.

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