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„Feen in Absinth mit Herrengedeck“ : Gratwanderung zwischen Kunst und Kitsch

vom
Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Die „Feen in Absinth mit Herrengedeck“ nahmen ihr Publikum im Saldern-Haus auf eine atemberaubende und amüsante Reise mit.

shz.de von
erstellt am 12.Dez.2016 | 06:00 Uhr

Neumünster | „Nehmen Sie Autoschlüssel, Schrauben, Schachteln, alles, was Sie in den Taschen haben, rasseln Sie, schließen Sie die Augen und stellen sich etwas Wunderbares vor.“ Die Zuschauer rappelten mit Schlüsseln an den Gläsern und ließen Glöckchen läuten. Auf der Bühne tanzten sich die „Feen in Absinth“, verstärkt durch das „Herrengedeck“ zuckend, Grimassen schneidend und orgiastisch stöhnend in Weihnachtstrance, schrien und juchzten sich zum Höhepunkt, bis sich das Publikum vor Lachen schüttelte. Das „Frohlöcken“ war einer der Höhepunkte der schrägen Show „It’s a Marshmallow Word – Sing Bing 2“, bei der das Quartett im Caspar-von-Saldern-Haus in zwei Vorstellungen am Freitag und Sonnabend rund 160 Zuschauer auf eine atemberaubende, kurzweilige und amüsante Reise durch amerikanischen Weihnachtskitsch und –kult mitnahm.

Erneut versammelten sich die Feen Rita (Nicole Wellbrock) und Renée (Stephanie Peters) mit den Herren Johannes (Stefan Waldow) und Lukas (Joachim Quirin) im „Sing-Bing“-Club, der nur ein Ziel hat – den amerikanischen Sänger Bing Crosby und seine Weihnachtsschnulzen zu zelebrieren. Doch Vereinschefin Rita ist verzweifelt: Crosbys Sohn hat seinen Vater als sadistischen, gefühlskalten Tyrann entlarvt – das Subjekt des Weihnachtswahns ist vom Sockel gestürzt. Darf man den noch anhimmeln?

Daran entzündete sich die furiose, temporeiche und mit komischen Details gespickte Zwei-Stunden-Show, in der trotzdem das Nachdenken über Weihnachten nicht zu kurz kam – der Truppe gelang eine geniale Mischung und gelungene Gratwanderung zwischen Weihnachtskunst und –kitsch, zwischen andächtiger Stimmung und überkandidelter Parodie.

Das Publikum wurde „abgefüttert“ – nicht nur mit zugeworfenen Marshmallows, sondern mit einem Füllhorn weihnachtlicher Ami-Schmachtsongs und urkomischen Einlagen. Bei „O’ holy Night“ verwandelten sich die Akteure in hüpfende, wackelnde, mit LED-Lichterketten behängte Tannen, die es vor lauter Heiligkeit schüttelt (und das Publikum schüttelte sich vor Lachen), im Video-Dreh für Ritas Online-Shop „Mrs. Santa Claus“ verkleideten sich Ritas Mitstreiter höchst widerwillig – Joachim Quirin brillierte als hüpfender Ballett-Weihnachtself mit Strubbelfrisur, Stephanie Peters machte den grimmigen Engel in Weiß, der gute Miene zum bösen Spiel zeigte.

Die Zuhörer wurden als neue „Sing-Bing“-Clubmitglieder kräftig eingespannt und mussten als Background-Chor Stimme zeigen. Ein Schuss Erotik zum Fest: Die Feen mutierten zu männerhungrigen Dominas, fingen sich mit Lametta-Lassos ihre Weihnachtsmänner ein, räkelten sich lasziv auf ihren „Rentieren“ und setzten die Kitsch-Weihnachtsgurken als Phallus-Symbol ein – die Zuhörer johlten und vergossen Lachtränen.

Doch bei aller Komik woben die „Feen“ und „Herren“ auch Tiefgang in die Show, sangen festliche Lieder in andächtigem Altenglisch. Als Anspielung auf die Flüchtlingssituation stellte Stefan Waldow fest: „Wie wäre es mit einer Krippe, in der Buddha und Mohammed ebenso willkommen sind wie die Heiligen Drei Könige?“

Am Weihnachtsabend wollen die Clubmitglieder Geschenke an die Obdachlosen verteilen, die realen Spenden der Show gehen an ein Café in Hamburg, in dem auch Flüchtlinge Weihnachten feiern können. Waldow zitierte H.G. Wells: „Unsere wahre Nationalität ist das Menschsein.“

Abgefüttert mit dieser Weihnachtsstimmung der etwas anderen Art, mit einem Dauergrinsen auf dem Gesicht und auch manchem Glöckchen in der Tasche zum „Frohlöcken“ gingen die Zuschauer hinaus – aber erst, nachdem sie sich vier Zugaben erklatscht und „Santa Claus is coming to town“ im Ohr hatten.



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