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Theater : Gilla Cremer gab die Knef intensiv und vielschichtig

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Aus der Redaktion des Holsteinischen Couriers

Eine starke Frau spielte im Theater in der Stadthalle eine starke Frau.

Neumünster | Die Einstimmung auf „So oder so – Hildegard Knef“ war rasant und naheliegend. Eine Frau – halb Zirkusdirektor, halb rasender Reporter – peitscht so unverschämte Fragen über die Rampe wie: Hatten Sie ein Verhältnis mit Gregory Peck? Mit Henry Miller? Kann man annehmen, dass Sie keine gute Mutter waren? Sind Sie immer noch „die wilde Hilde“? Wie halten Sie sich fit? Klar und deutlich kommt die Antwort „Ich jogge nicht, ich laufe Amok“ von der nun mit dem Rücken zum Publikum stehenden Person und führt die Zuschauer auf kürzestem Weg mitten hinein in das Leben der Frau, Mutter und Gattin, der Schauspielerin, Sängerin und Schriftstellerin Hildegard Knef (1925 bis 2002), die immer noch für volle Theater (480 Besucher) sorgt. Am Sonnabend gestaltete dieses Leben mit viel Respekt vor dem Original die großartige Gilla Cremer (Regisseur: Hartmut Uhlemann), die in Neumünster schon mit „Die Kommandeuse“ (1998) und „Mobbing“ (2009) beeindruckte.

In den überzeugenden Text- und Musikcollagen (extrahiert aus Autobiografien, Interviews, Chansons, Pressenotizen) wurde eine Frau sichtbar, die immer in die Öffentlichkeit wollte, die verletzen konnte und selbst sehr verletzlich war, die Höhen und Tiefen des Ruhms durchlebte. Gilla Cremer und Gerd Bellmann als ihr adäquater, mitspielender Begleiter am Klavier bewältigten den Spagat zwischen „Hildchen“ und der „Sünderin“ (ein Attribut, das an ihr wegen einer sekundenkurzen Nacktszene wie Pech klebte) bravourös. Nuancenreich und subtil, mit großer Variationsbreite in der so gut zu den Chansons passenden Stimme, in Haltung, Gestik und Mimik zeichnete Cremer das rastlose Leben der Knef nach, ohne sich ganz an die Figur zu verlieren.

Was brauchte sie dafür an Requisiten? Nur einige Hutständer, Kleidung im typischen Knef-Stil, eine einfache Probentreppe, eine Schüssel mit geschnittenen Äpfeln, die durchs Publikum gereicht wird, eine perfekte Lichtregie, einen herabgelassenen eisernen Vorhang, der erst wieder hochgeht, wenn sie ihren Weg in die Künstlerwelt beginnt – und ein Publikum, das sich von ihr mitnehmen, anrühren und begeistern ließ. Mal nüchtern, mal von starken Emotionen getragen wurde die prägende Kindheit mit dem Großvater greifbar, wurden der Schauspielunterricht und die frühen Bühnenerfolge in Berlin ebenso lebendig wie die russische Kriegsgefangenschaft, der erfolglose Aufenthalt in Hollywood und das erfolgreiche Broadway-Engagement mit „Silk Stockings“ (hinreißende Steppnummer!), die finanziellen Pleiten und die Theatertourneen durch die „Provinz“ (Gastspiel am 10. Februar 1961 auch in Neumünster mit „Nicht von gestern“ von Kanin).

Berührend waren die privaten Momente wie die Geburt der Tochter Christina, Scheidungen, Krankheiten und das Altern, von Gilla Cremer nur durch Veränderung der Körperhaltung, Hut mit großer Krempe und XXL-Sonnenbrille gestaltet. Zum Schluss tritt die Interpretin Gilla Cremer wieder ganz hinter Hildegard Knef zurück. Sie entledigt sich aller Accessoires und jeglicher Schminke und lässt die „echte“ Hilde „Für mich soll’s rote Rosen regnen“ singen. Ein starker Abgang für zwei starke Darstellerinnen: für Hildegard Knef und für Gilla Cremer.

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erstellt am 27.Okt.2014 | 08:30 Uhr

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