Neumünster : Gewalt in der Pflege nimmt zu

Der Neumünsteraner Jens Ahrens ist landesweit der einzige Sicherheitsberater für Senioren, der zum Schwerpunkt Gewalt in der Pflege Hilfestellungen gibt.
Der Neumünsteraner Jens Ahrens ist landesweit der einzige Sicherheitsberater für Senioren, der zum Schwerpunkt Gewalt in der Pflege Hilfestellungen gibt.

Jens Ahrens ist der einzige Sicherheitsberater für Senioren in Schleswig-Holstein. Bis zu 60 Beratungen im Monat führt er zum Thema.

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20. März 2018, 08:00 Uhr

Neumünster | Eine türkische Familie fährt vom Urlaub zurück in die Heimat Neumünster. Die Erinnerung reißt irgendwo zwischen Istanbul und Belgien ab, alle finden sich im Krankenhaus wieder. Der Vater ist seither ein schwerer Pflegefall. Das Leben der Familie gerät aus den Fugen. Es gibt kaum überwindbare Hürden. Angefangen von der Sprachbarriere bis hin zu langen Auseinandersetzungen mit den Behörden. „Gewalt in der Pflege ist nicht der blaue Fleck, sondern überwiegend psychischer Natur“, erklärt Jens Ahrens. Der Neumünsteraner ist Sicherheitsberater für Senioren, landesweit der einzige mit dem Schwerpunkt Gewalt in der Pflege.

Seit 2014 gibt es Seniorenberater in Schleswig-Holstein, die älteren Menschen helfend zur Seite stehen und ihnen Beratungen vermitteln, um das Sicherheitsgefühl zu stärken. Die Bereiche, in denen Hilfe angeboten wird, reichen vom Internet über die Sicherheit im Straßenverkehr und selbstbestimmte Vorsorge bis hin zur Gewalt in der Pflege. In Neumünster gibt es neben Ahrens drei weitere Ansprechpartner mit verschiedenen Beratungsschwerpunkten. Finanziert wird das Ehrenamt vom Landespolizeiamt.

„Die Gewalt in der Pflege hat in den vergangenen eineinhalb Jahren massiv zugenommen“, erklärt Ahrens. Mittlerweile habe er 50 bis 60 Beratungen pro Monat – Tendenz steigend. Angst vor Behörden, Geldsorgen und Überforderung bei der Pflege sind nur einige Gründe. Zugenommen habe auch der Anteil bei den Migranten. „Kulturelle Unterschiede und ganz verschiedene Schmerzempfinden können zu Konflikten führen. Ein Beispiel: Eine muslimische Frau, die ihren Mann plötzlich waschen soll“, berichtet Jens Ahrens.

Rund 70 Prozent aller Fälle sind psychische Gewalt. Anschreien zähle ebenso dazu wie Drohen, Einsperren oder eisiges Schweigen gegenüber der hilfebedürftigen Person. „Zum Beispiel können sich Machtverhältnisse umdrehen. Das bedeutet, wenn der dominante Ehepartner plötzlich pflegebedürftig wird und die pflegende Person nun in der Hand hat, wann gegessen wird oder der Partner umgelagert wird“, sagt Jens Ahrens.

In 30 Prozent der Fälle kommt es zu körperlicher Gewalt. „Oft ist diese Gewalt Ausdruck der Überforderung von den pflegenden Personen“, so der Fachmann. In diesen Fällen werde die Polizei kontaktiert. Ahrens: „Wir versuchen dann, so schnell wie möglich die betroffenen Senioren dort rauszuholen – entweder in die Kurzzeitpflege oder in die Verhinderungspflege, damit die Angehörigen eine Pflegepause haben und weitere Schritte geregelt werden können.“

Das Gros der betroffenen Senioren sei im Alter von 70 bis 85 Jahren. Auch bei entstehenden Missständen mit Pflegediensten oder Seniorenheimen hilft der Ehrenamtler. Er vermittelt Kontakte oder klärt Fragen mit der Pflegekasse. „Ein großes Problem in Neumünster ist auch, dass es zu wenig Hausärzte gibt. Das bedeutet, die älteren Menschen kommen gleich ins Krankenhaus, das wiederum bereits überlastet ist.“ Auch das könne Auslöser von Gewalt sein.

Jens Ahrens hofft auf weitere Mitstreiter, die sich des Schwerpunkts Gewalt in der Pflege annehmen. Er prognostiziert, dass das Problem künftig weiter wachsen wird. Wer ehrenamtlicher Sicherheitsberater werden möchte, muss einen Lehrgang besuchen. Weitere Infos unter www.sfs.schleswig-holstein.de.

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