Aktiv-Wochen für Ältere : Gesticktes Tagebuch hilft Leid verarbeiten

Einen Teil ihres gestickten Tagebuch-Kalenders zeigte die Künstlerin Karin Holm gemeinsam mit der Papiervorlage (links).
Einen Teil ihres gestickten Tagebuch-Kalenders zeigte die Künstlerin Karin Holm gemeinsam mit der Papiervorlage (links).

Künstlerin Karin Holm aus Bordesholm kam mit ihren Gästen ins Gespräch über Schicksalsschläge und Kunst.

shz.de von
29. März 2017, 09:00 Uhr

Neumünster | „Immer besser und besser“ ist einer der Kalendereinträge, die gestern im Museum Tuch+Technik zu lesen waren – in einer ungewöhnlichen Form: Die Künstlerin Karin Holm verarbeitete das Bangen um ihre wochenlang erkrankte Tochter in einem gestickten Tagebuch, das in Form von Decken für die Teilnehmer der Aktion „Geteiltes Leid ist halbes Leid“ im wahrsten Sinne des Wortes Gesprächsstoff wurde.

Vor acht Jahren kam der damals 61-jährigen Bordesholmerin die Idee – schon ihr Leben lang hatte sie gezeichnet und vor allem gestickt. Ein Papiertagebuch übertrug sie auf Holsteiner Leinen, nahm dieses sogar mit nach Griechenland, wusch es als Ritual im Meer. Monatelang arbeitete sie an diesem Werk: „So zu arbeiten, hat etwas Meditatives und etwas Versöhnliches.“ Dann lud sie Menschen zu sich und ihrem Stick-Kunstwerk ein. Hinter jedem Tagebuch-Eintrag steckt eine Geschichte, eine Erinnerung und auch nicht selten eine Lebensweisheit. Hinter sehr vielen Herzchen verbirgt sich beispielsweise die Hochzeit einer anderen Tochter, hinter „Salvatrice“ und „Rosa“ eine Italien-Reise.

Gestern luden das Museum und die Künstlerin im Rahmen der Aktivwochen für Ältere zu Kuchen und Kaffee auf den Kalender-Tischdecken; Karin Holm kam ins Gespräch über Schicksalsschläge, Kunst und die vielen Begegnungen mit Menschen durch die Kunst. „Es wirkt befreiend auf viele, sich so auszutauschen, zumal manches eben doch heutzutage tabuisiert und totgeschwiegen wird“, sagt Karin Holm.

Und jedem Menschen passieren Schicksalsschläge – lebensbedrohliche Krankheiten, Unfälle, Trennungen, Todesfälle. „Menschen mit Schicksalen haben eine andere Sicht aufs Leben“, sagte die Künstlerin. Im Sinne von „geteilte Freude ist doppelte Freude“ wurde aber auch viel gelacht. „Ich könnte meine Probleme nicht so verarbeiten, ich habe damals getrommelt und wie wild auf mein Instrument draufgehauen“, sagt Brigitta Irmer (70) aus Bordesholm. Andere erzählten, sie hätten in Krisensituationen gelesen, um auf andere Gedanken zu kommen, oder Handwerkliches gemacht wie Körbe geflochten oder Masken gebastelt.

Maleen Westermann (64) aus Heikendorf kannte die Künstlerin vorher nicht. „Diese Kunst ist schön anzusehen, mich beeindruckt aber vor allem diese Idee. Und als Persönlichkeit ist sie interessant, sie strahlt viel Lebensfreude aus.“

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