Erinnerung : Geschichtsstunde mit Putzlappen

Angefeindet, denunziert, deportiert und ermordet: Stadtführerin Heide Winkler zeigte den Schülern Zeitungsausschnitte aus der NS-Zeit, in denen gegen Juden und Andersdenkende gehetzt wurde.
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Angefeindet, denunziert, deportiert und ermordet: Stadtführerin Heide Winkler zeigte den Schülern Zeitungsausschnitte aus der NS-Zeit, in denen gegen Juden und Andersdenkende gehetzt wurde.

Junge Kant-Schüler verliehen den Stolpersteinen in der Stadt frischen Glanz

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02. Juli 2015, 06:30 Uhr

Neumünster | Es war nicht ganz das, was sich Schüler gemeinhin unter einen Wandertag vorstellen, aber am Schluss waren viele doch beeindruckt: „Das hab’ ich alles gar nicht gewusst“, bekannte etwa Milena Breede (14). Von Oma und Opa habe sie zwar schon einiges über den Krieg gehört, „da ging es aber meist um die harten Zeiten“, erzählt die junge Kant-Schülern.

Gemeinsam mit ihrer Klasse zog Milena gestern durch die Innenstadt – auf den Spuren von Opfern des Naziterrors. Stadtführerin Heide Winkler führte die Siebtklässler zu den Stolpersteinen des Kölner Künstlers Gunter Demnig, die seit 2005 auch in Neumünster die Erinnerung an die deportierten und ermordeten Bürger der Stadt wach halten. Die Schüler sollen dabei helfen: Sie hatten Putzlappen und Scheuerpaste dabei, mit der sie die Steine polierten.

In der Schule wird das Thema Nationalsozialismus erst ab dem achten Jahrgang behandelt, weshalb es der engagierten Stadtführerin nicht auf Anhieb leicht fiel, ihre Botschaft rüberzubringen. Immerhin: Fast jedem der Schüler waren die inzwischen 27 in Neumünster verlegten Messingplatten schon einmal aufgefallen. Jetzt gab es zu den eingestanzten Namen auch eine Geschichte: Etwa die des Gewerkschafters Konrad Matzke, der nach dem Attentat auf Hitler 1944 im KZ Neuengamme gequält wurde, den Todesmarsch nach Neustadt an die Ostsee überstand, um dann im Bombenangriff der Engländer auf die „Cap Arcona“ sein Leben zu verlieren – wenige Tage vor Kriegsende. Die besondere Tragik seines Schicksals verstanden offenbar auch schon einige der 13-Jährigen: „Unglaublich!“ murmelte eine Schülerin.

Auch für Sarah Kaiser (13) fällt das Thema nicht ganz vom Himmel, schon vor Längerem hat sie das „Tagebuch der Anne Frank“ gelesen. Entsprechend aufmerksam hörte sie zu, als Heide Winkler in der Propstenstraße vom Schicksal Heinz Baranowitz erzählte, der seine „halbjüdischen“ Kinder im Alter von vier und fünf Jahren nach England schickte, um sie vor den Nazis zu retten. Er selbst starb 1942 im KZ Sachsenhausen. Sein Sohn Peter nahm sich mit 37 Jahren das Leben. „Er hat das Zerbrechen der Familie nie verkraftet“, erklärte Heide Winkler den Schülern.

Für die Siebtklässler könnte die Geschichtsstunde mit Putzlappen der Einstieg sein, am Thema dran zu bleiben. In einem Geschichtsprojekt ihrer Schule wird derzeit eine Website mit den Standorten aller 27 Stolpersteine in der Stadt entwickelt. Im Herbst will die Kant-Schule die Patenschaft für zwei neue Stolpersteine übernehmen, die am Kuhberg verlegt werden.

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