Hochsicherheitslager in Bad Bramstedt : Gerüchte um Cannabis-Anbau im großen Stil in Neumünster

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Die Ansiedlung des kanadischen Unternehmens Nuuvera in Bad Bramstedt könnte auch Bedeutung für Neumünster haben.

shz.de von
17. Januar 2018, 08:00 Uhr

Neumünster | Die Ankündigung des kanadischen Unternehmens Nuuvera, in Bad Bramstedt ein Hochsicherheitslager für Cannabis aufzubauen gibt Gerüchten um eine mögliche Anbau-Plantage im Industriegebiet Süd in Neumünster neuen Stoff. Nach Informationen von shz.de geht es um eine Fläche, für deren Verkauf die Ratsversammlung bereits ihr Okay gegeben hat.

Seit Wochen wird darüber spekuliert, dass ein Unternehmen dort ansiedeln will, um Cannabis für medizinische Zwecke anzubauen. Oberbürgermeister Dr. Olaf Tauras wollte am Dienstag auf Nachfrage nichts sagen. Doch Äußerungen seines Bad Bramstedter Amtskollegen Hans-Jürgen Kütbach lassen aufhorchen. Er freue sich sehr über die Ansiedlung im Gewerbegebiet Nord seiner Stadt, sagte der FDP-Politiker. Zu einem möglichen Standort-Konflikt mit Neumünster ergänzte er: „Ich mische mich nicht in innenpolitische Angelegenheiten. Aber eine Konkurrenz zu Neumünster sehe ich derzeit nicht.“ Kütbach hob die Zusammenarbeit beider Kommunen im Verband Nordgate hervor, „von der alle Seiten profitieren können“.

Die sechs Städte Neumünster, Bad Bramstedt, Kaltenkirchen, Henstedt-Ulzburg, Quickborn und Norderstedt an der A7 bieten unter dieser Marke gemeinsam freie Gewerbeflächen in allen Lagen, Größen und Preisklassen an. In diesem Fall wäre auch die Wirtschaftsagentur mit in dem Prozess eingebunden.

„Wir planen aktuell nur die Anlage in Bad Bramstedt“, betont Nuuvera-Deutschland-Geschäftsführer Hendrik Knopp auf Nachfrage. Er hatte in einem Bericht des Nachrichtenmagazins Stern den Standort Bad Bramstedt für einen „riesigen Cannabis-Tresor, fünf Meter hoch, 1000 Tonnen schwer, der Cannabis im Warenwert von fünf bis zehn Millionen Euro fasst“, ins Spiel gebracht. Nuuvera sei dafür aktuell in der Planungsphase mit Architekten und Behörden. „Wir hoffen, in den nächsten Wochen mit den ersten Baumaßnahmen beginnen zu können. Wenn alles nach Plan läuft, wir die erforderlichen behördlichen Genehmigungen erhalten, soll das Hochsicherheitslager im Spätsommer dieses Jahres betriebsbereit sein“, so Knopp.

Allerdings werde sich Nuuvera in Deutschland in den kommenden Jahren „weitreichend engagieren“, schiebt er nach, ohne den Standort Neumünster zu nennen. Und: „In Bad Bramstedt wird nur aus Kanada importierte Ware gelagert.“

Aber Nuuvera möchte in Deutschland offenbar auch Cannabis anbauen. Angesprochen auf das entsprechende Ausschreibungsverfahren von der dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte untergeordneten Cannabisagentur sagt Knopp: „Das ist ein geheimes Verfahren. Wir sehen dem Ausgang entgegen.“

Die im Amtsblatt der Europäischen Union veröffentlichte europaweite Ausschreibung sieht den kommerziellen Anbau von Medizinalhanf durch Privatunternehmen in Deutschland vor.

Pharmazeutisches Cannabis soll gemäß der im Bundesanzeiger im Juni 2016 veröffentlichten Cannabis-Monografie produziert werden. Der Auftrag umfasst Anbau, Weiterverarbeitung, Lagerung und die Verpackung. In einem gestaffelten Losverfahren wird der Auftrag, in zehn Lose aufgeteilt, unter je zehn Bewerbern, die im Lieferzeitraum 2019 bis 2022 pro Jahr je 200 Kilo liefern sollen. Pro Bewerber können maximal sieben Lose vergeben werden, die für einen Zeitraum von 65 Monaten die Lieferung gewährleisten sollen. Die Bieter mussten in diesem Verfahren gewisse Voraussetzungen erfüllen, um im Verfahren eine möglichst hohe Punktzahl zu erreichen.

Im Industriegebiet Süd herrscht nach der Erweiterung der Entwicklungsfläche derzeit ein regelrechter Boom. Logistikunternehmen wie Voigt, Bade oder DHL Express bauen dort bereits, die Spedition Dachser und die Meierei Barmstedt planen Millioneninvestitionen. Eine Cannabis-Plantage würde den Standort Neumünster weiter aufwerten, sagt ein Wirtschaftsexperte, der nicht genannt werden möchte. Doch noch ist nichts entschieden. Die Hanf-Blase kann auch noch platzen.

Fragen und Antworten zu Cannabis auf Rezept:


Welche Patienten können mit Cannabis behandelt werden?

Bisher ist die Studienlage sehr dürftig, erklärt Michael Überall, Arzt und Präsident der Deutschen Schmerzliga. „Es gibt aktuell ausreichend Daten zu einer erfolgreichen Schmerzbehandlung von Patienten mit Neuropathien, Tumorschmerzen sowie Spastik bei Multipler Sklerose“, sagt er. Denkbar sei aus seiner Sicht darüber hinaus der Einsatz bei Patienten mit chronischen Schmerzen, die dadurch psychisch stark beeinträchtigt werden: „Cannabis wirkt ja unter anderem distanzierend, so dass Patienten damit mitunter etwas Abstand zu ihren chronischen Schmerzen bekommen.“

Ersetzt Cannabis in solchen Fällen andere Medikamente?

Nein. „Cannabis kann und sollte anfänglich zusätzlich zur bisherigen Medikation gegeben werden“, sagt Überall. Viele Patienten berichten, dass Cannabis gerade, wenn die bisherige Therapie nicht ausreichend wirksam war, die Beschwerden lindern kann. So ist es laut Gesetz auch vorgesehen. Cannabis soll nur als letzte Option in Betracht gezogen werden – wenn alle anderen Therapieformen nicht erfolgreich waren.

In welcher Form wird Cannabis verschrieben?

Der Arzt kann entweder die beiden in Deutschland verfügbaren Fertigarzneimittel verschreiben, sogenannte Rezepturarzneien mit Cannabisextrakten, oder die Blüten der Pflanze. Viele Patienten berichteten, dass die ganze Blüte ihnen deutlich besser helfe als eine Fertigarznei, erklärt Andreas Kiefer, der Präsident der Bundesapothekerkammer. „Die Blüte enthält mehr als 100 Wirkstoffe, die möglicherweise zusammenwirken.“

Wie nimmt der Patient die Cannabis-Blüten zu sich?

Niemand soll Cannabisblüten in einem Joint verbrennen, sagt Kiefer. „Dabei ist die Menge, die der Patient zu sich nimmt, nicht reproduzierbar.“ Die Blüten selbst lassen nicht so genau abwiegen – sie werden daher vom Apotheker zermahlen. Der Patient erhält das Pulver portioniert oder mit einem Dosierlöffel. Er kann sich daraus einen Tee kochen oder das Pulver auf einen elektrischen Verdampfer geben. „Der Dampf wird zum Beispiel in einer Kunststofftüte gesammelt, die der Patient anschließend leer atmet“, erklärt Kiefer. Wichtig sei, dass die Blüten erhitzt werden: „Erst bei rund 160 Grad werden alle Wirkstoffe freigesetzt.“ Deswegen sei eine Inhalation oft wirksamer als das Trinken von Tee, denn siedendes Wasser hat nur 100 Grad Celsius. Die Anschaffungskosten für den Verdampfer übernehmen die Kassen allerdings nicht, betont Überall.

Wie werden Cannabis-Blüten dosiert?

Der Arzt muss die Dosierung auf dem Rezept angeben. Bei den Fertigarzneien und Rezepturarzneien gibt es dafür Empfehlungen. Bei Cannabisblüten muss er auf dem Betäubungsmittelrezept exakte Angaben zu Blütensorte, Verordnungsmenge und Anwendungsform geben. Das sei für unerfahrene Ärzte eher schwierig, sagt Überall. Zudem ist die Bandbreite viel größer als zum Beispiel bei Schmerzmitteln, fügt Kiefer hinzu. Bei gängigen Schmerzmitteln liege die Höchstdosis zum Beispiel beim Sechsfachen einer einzelnen Tablette. „Bei Cannabisblüten ist es mehr als das 50-fache.“

Zahlen die Krankenkassen Cannabis immer, wenn der Arzt es gut heißt?

Nein. Cannabis als Medizin ist keine Regelleistung der Krankenkassen, sondern unterliegt einem sogenannten Erstattungsvorbehalt. Der Arzt muss in einem Antrag drei Dinge nachweisen: erstens, dass der Patient schwer krank ist. Bei einem chronischen Schmerzpatienten, der weiterhin arbeiten geht, kann das schwierig sein. Zweitens muss dargelegt werden, dass alle gängigen Behandlungsmöglichkeiten erfolglos ausgeschöpft wurden. Und drittens, dass die Gabe von Cannabis Erfolg versprechend ist und die zu erwartenden Wirkungen und Nebenwirkungen in einem positiven Verhältnis zueinander stehen.

„Dazu legt man normalerweise als Beleg eine Studie vor“, sagt der Präsident der Schmerzliga – von denen es aber zu Cannabis als Medizin nur eine begrenzte Anzahl gibt. Bisher lehnen die Kassen die Übernahme laut Überall häufig ab. In dem Fall hat der Patient wie früher natürlich auch die Möglichkeit, die Kosten selbst zu tragen.

Wie groß ist das Interesse an medizinischem Cannabis in Schleswig-Holstein?

Patienten fragen in Schleswig-Holstein verstärkt nach Cannabis als Medizin. „Wir gehen davon aus, dass derzeit rund 100 Menschen im Land mit Cannabis-Produkten behandelt werden“, sagte der Geschäftsführer der Apothekerkammer, Frank Jaschkowski, im August 2017. Vor der Gesetzesänderung habe es nur vereinzelte Fälle im Norden gegeben.

Eine ähnliche Entwicklung hat die Barmer Ersatzkasse beobachtet. „Nach der Gesetzesänderung hat es einen deutlichen Schub an Anträgen gegeben“, sagte Barmer-Sprecher Wolfgang Klink. Bis Ende Juni 2017 gab es bei der Krankenkasse 51 entsprechende Anträge, von denen 40 genehmigt wurden. Konkrete Vergleichszahlen konnte der Sprecher zwar nicht nennen. Es habe vor der Änderung jedoch deutlich weniger Fälle gegeben.

 
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